{"title":"Medizin: Infobox I","body":"<STRONG>Medizin<\/STRONG><BR><\/BR><BR><\/BR><STRONG>Medizin in Entwicklungsl&#228;ndern<\/STRONG><BR><\/BR><BR><\/BR>Medizin in Entwicklungsl&#228;ndern <I>(Tropical Public Health)<\/I> umschreibt medizinische Hilfst&#228;tigkeiten in den meist tropischen, wirtschaftlich unterentwickelten L&#228;ndern der Dritten Welt. Der Begriff selbst stellt keine scharf abgegrenzte Gr&#246;&#223;e dar und umfa&#223;t z.B. auch die klassische <I>Tropenmedizin<\/I>, die sich speziell mit der Erforschung, Behandlung und Pr&#228;vention von <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/67853'>Tropenkrankheiten<\/A> (z.B. <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/40827'>Malaria<\/A>) besch&#228;ftigt.<BR><\/BR>Die Anf&#228;nge dieser Arbeit gehen in die Mitte des 19. Jahrhunderts zur&#252;ck. Die seefahrenden Welthandelsnationen und Kolonialm&#228;chte mu&#223;ten sich mit den tropischen Krankheiten auseinandersetzen (eine erste internationale Gesundheitskonferenz hierzu fand 1851 in Paris statt). Der deutsche Arzt T. <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/8485'>Bilharz<\/A> beschrieb in &#196;gypten 1851 die nach ihm benannte Krankheit Bilharziose (<A href='\/abo\/lexikon\/bio\/59289'>Schistosomiasis<\/A>); der Engl&#228;nder R. Ross entdeckte in Kalkutta 1898 den Kreislauf der Malariaplasmodien (<A href='\/abo\/lexikon\/bio\/52201'>Plasmodium<\/A>), und der Els&#228;sser A. Schweitzer gr&#252;ndete 1913 unter eindeutigen Gesichtspunkten der Entwicklungshilfe das bedeutende Tropenhospital Lambarene (Gabun).<BR><\/BR>Die heutige Medizin in Entwicklungsl&#228;ndern mu&#223; u.a. von folgenden Gegebenheiten ausgehen. Den L&#228;ndern der Dritten Welt steht f&#252;r ihre medizinische Versorgung nur ein &#252;beraus geringer Finanzrahmen zur Verf&#252;gung. Obwohl die L&#228;nder mit geringem Pro-Kopf-Einkommen 83% der globalen Krankheitslast tragen, k&#246;nnen sie lediglich 11% der Gesundheitsausgaben weltweit f&#252;r sich in Anspruch nehmen. Von diesen Ausgaben gelangen wiederum nur ca. 10% an die Basis, d.h. zu der Masse der Armen, die zu 70&#8211;80% in l&#228;ndlichen Regionen und Slumgebieten leben. Alle 3 Sekunden stirbt hier ein Kind, weil die Eltern arm sind. Das Problem von Gesundheit und <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/37258'>Krankheit<\/A> ist hier wesentlich an gesundheitsrelevante Faktoren wie Alphabetisierung, Abschaffung von <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/32898'>Hunger<\/A>, Erstellung von sanit&#228;ren Einrichtungen und Familienplanung (<A href='\/abo\/lexikon\/bio\/8291'>Bev&#246;lkerungsentwicklung<\/A>, <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/21075'>Empf&#228;ngnisverh&#252;tung<\/A>) &#8211; also letztlich an die wirtschaftliche Entwicklung gebunden. Der Begriff &#8222;Medizin in Entwicklungsl&#228;ndern&#8220; geht also weit &#252;ber den klassischen Medizinbegriff hinaus und beinhaltet neben wirtschaftlichen Aspekten auch soziokulturelle und anthropologische Ans&#228;tze (<A href='\/abo\/lexikon\/bio\/3972'>Anthropologie<\/A>).<BR><\/BR>Um medizinische Abhilfe zu schaffen, gibt es verschiedene Zugangsm&#246;glichkeiten. Die Weltgesundheitsorganisation (<A href='\/abo\/lexikon\/bio\/70679'>WHO<\/A>) hat 1975 in der Konferenz von Alma Ata das Konzept von Primary Health Care (PHC, Prim&#228;re Gesundheitspflege) erarbeitet: Die Gesundheitssicherung soll durch Einbeziehung von nichtmedizinischen Einflu&#223;faktoren (Wohnen, Nahrung, Kleidung, Bildung) und den Gesundheitssystemen gesichert werden. Die 8 Elemente von Primary Health Care sind:<BR><\/BR><BR><\/BR><I>Grundbed&#252;rfnisse<\/I><BR><\/BR>  1. Erziehung zur Erkennung, Vorbeugung und Bek&#228;mpfung der &#246;rtlich vorherrschenden Gesundheitsprobleme<BR><\/BR>  2. Nahrungsmittelversorgung<BR><\/BR>  3. Trinkwasserversorgung und sanit&#228;re Ma&#223;nahmen<BR><\/BR><I>Pr&#228;ventivmedizin<\/I><BR><\/BR>  4. Mutter-Kind-Gesundheitsversorgung und Familienplanung<BR><\/BR>  5. Impfungen<BR><\/BR>  6. Verh&#252;tung und Bek&#228;mpfung der &#246;rtlich-endemischen Krankheiten<BR><\/BR><I>Kurative Medizin (Dorfebene)<BR><\/BR> <\/I> 7. Behandlung gew&#246;hnlicher Erkrankungen und Verletzungen<BR><\/BR>  8. Versorgung mit essentiellen Medikamenten (Schwerpunkte)<BR><\/BR><BR><\/BR>Das Ziel der PHC-Strategie ist die Verbesserung der gesundheitlichen Lage der benachteiligten Teile der Weltbev&#246;lkerung in der Dritten Welt.<BR><\/BR>Der internationale Kinderhilfsfond UNICEF hat eine Strategie von wohlkalkulierten Einzelma&#223;nahmen erarbeitet, mit der rasch Erfolge erzielt werden k&#246;nnen. An solchen schnellen Erfolgen (bessere Finanzierungsm&#246;glichkeiten) sind Regierungen und Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs, besonders der Entwicklungshilfe) sehr interessiert. Es handelt sich um sog. vertikale Konzepte. Ein solches ist das &#8222;Child Survival and Development Revolution Concept&#8220;. Es bedeutet: <I>G<\/I>rowth Monitoring, <I>O<\/I>ral Rehydration, <I>B<\/I>reast Feeding Promotion, <I>I<\/I>mmunization, <I>F<\/I>amily Planning, <I>F<\/I>emale Education, <I>F<\/I>ood Fortification (Abk. <I>GOBIFFF<\/I>). Im Gegensatz zum WHO-Konzept, das auf langfristige Planung angelegt ist, f&#246;rdert dieses Konzept kurzfristig und regional die Gesundheitszust&#228;nde.<BR><\/BR>Vielf&#228;ltige und akute Hilfeleistungen, die oft von Entwicklungsma&#223;nahmen allgemeinerer Art flankiert sind, leisten die Nichtregierungs-Organisationen (NGOs). Solche sind u.a. M&#233;decins sans fronti&#232;res, Komitee &#196;rzte f&#252;r die Dritte Welt, Komitee Kap Anamur &#8211; Deutsche Not&#228;rzte, Brot f&#252;r die Welt oder der Deutsche Caritasverband. Die Arbeit als Arzt, Krankenschwester, Hebamme oder Pfleger eines Landes der Ersten Welt (Geberlandes) in einem Land der Dritten Welt wird von den Hilfeleistenden pers&#246;nlich als sehr bereichernd empfunden (h&#228;ufig ist eine Revision eigener Standpunkte bez&#252;glich des Berufsbildes und seiner Wertvorstellungen die Folge).<BR><\/BR>Defizite auf Seiten der Geberl&#228;nder sind: mangelnder Wille zu fairem Ausgleich von Wirtschaftsinteressen; Vernachl&#228;ssigung von Themen der Medizin der Entwicklungsl&#228;nder in der naturwissenschaftlichen, medizinischen Forschung und Lehre der Ersten Welt; fehlendes Interesse der Pharmazeutischen Industrie (nach der Dekolonialisierung) an der Erforschung und Herstellung moderner tropenmedizinischer Medikamente unter f&#252;r Entwicklungsl&#228;nder bezahlbaren Bedingungen.\nF.K.\n<STRONG>Lit.:<\/STRONG> <I>Diesfeld, H.-J.:<\/I> Gesundheitsproblematik der Dritten Welt. Darmstadt 1989. <I>Diesfeld, H.-J., Wolter, S<\/I>. (Hrsg.): Medizin in Entwicklungsl&#228;ndern. Frankfurt 1989. <I>Nohlen, D., Nuscheler, F.:<\/I> Handbuch der Dritten Welt (bisher 8 B&#228;nde). Hamburg 1994. <I>Werner, D.:<\/I> Where there is no Doctor. London 1977. <I>Wiedershaim, R<\/I>. (Hrsg.): Gesundheit und Krankheit in der Welt. Darmstadt 1997. <I>World Health Organization<\/I> (Hrsg.): The Use of Essential Drugs. Geneva 1992."}