{"title":"Soziobiologie: Infobox I","body":"<STRONG>Zu Soziobiologie<\/STRONG><BR><\/BR><BR><\/BR><STRONG>Humansoziobiologie<\/STRONG><BR><\/BR><BR><\/BR>H&#228;tte sich die Soziobiologie darauf beschr&#228;nkt, unter Anwendung ihrer evolutionstheoretischen Konzepte nur das Verhalten von Ameisen und anderen Tieren zu erkl&#228;ren, w&#228;re sie kaum zum Streitfall geworden. Tats&#228;chlich wurde nur das letzte Kapitel in Wilsons (ansonsten gefeierter) &#8222;Sociobiology&#8220; zum Stein des Ansto&#223;es, das sich mit der Soziobiologie des <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/42112'>Menschen<\/A> befa&#223;te. Der Widerstand, der einer <I>Humansoziobiologie<\/I> ebenso wie der <I><A href='\/abo\/lexikon\/bio\/69313'>Verhaltens&#246;kologie<\/A><\/I> des Menschen (engl. Human Behavioral Ecology) und der <I><A href='\/abo\/lexikon\/bio\/23182'>Evolutionspsychologie<\/A><\/I> entgegengebracht wird (beide letztgenannten Disziplinen erhielten wichtige Impulse aus der Soziobiologie, sind mit ihr aber nicht identisch), n&#228;hrt sich aus verschiedenen Quellen:<BR><\/BR>Erstens wird Soziobiologen unterstellt, sie w&#252;rden Erkenntnisse von Ameisen oder anderen Tieren auf Menschen &#252;bertragen. Tats&#228;chlich wissen Soziobiologen selbstverst&#228;ndlich, da&#223; sie Erkenntnisse von Ameisen ebenso wenig auf Menschen &#252;bertragen k&#246;nnen, wie sie Erkenntnisse vom <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/59255'>Schimpansen<\/A> auf den immerhin nahe verwandten <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/10025'>Bonobo<\/A> &#252;bertragen k&#246;nnen: Beide Arten unterscheiden sich in ihrer Sozialstruktur tiefgreifend. <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/33528'>Hypothesen<\/A>, die sich aus der Evolutionstheorie ergeben, an Schimpansen, Bonobos und auch Menschen zu &#252;berpr&#252;fen, ist allerdings ein wissenschaftlich legitimes Vorgehen (<A href='\/abo\/lexikon\/bio\/5206'>Artenvergleich<\/A>, <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/66688'>Tier-Mensch-Vergleich<\/A>).<BR><\/BR>Zweitens wird unterstellt, Soziobiologen degradierten den Menschen zur &#8222;Marionette seiner Gene&#8220;. Zweifellos spielen <I>Gene<\/I> in der Theorie des &#8222;egoistischen Gens&#8220; eine zentrale Rolle. Dies bedeutet jedoch nicht, da&#223; menschliches Verhalten (oder das von Tieren) ausschlie&#223;lich unter genetischer Kontrolle st&#228;nde. Tats&#228;chlich spielen Umweltfaktoren als Verhaltensdeterminanten in der Soziobiologie eine sehr viel st&#228;rkere Rolle als in der klassischen Ethologie (einschlie&#223;lich der <I><A href='\/abo\/lexikon\/bio\/32808'>Humanethologie<\/A><\/I>), die mit ihrem Konzept der angeborenen, formstarren und artspezifischen Erbkoordinationen kaum Raum f&#252;r flexible alternative Taktiken und Strategien bot.<BR><\/BR>Drittens wird argumentiert, die Soziobiologie k&#246;nne (ebenso wie die Verhaltensbiologie insgesamt) allenfalls dem &#8222;Naturwesen Mensch&#8220; gerecht werden, nicht jedoch dem &#8222;Kulturwesen&#8220;. Abgesehen davon, da&#223; hier unklar bleibt, wo die Trennlinie zwischen &#8222;Natur-&#8220; und &#8222;Kulturwesen&#8220; verl&#228;uft, &#252;bersieht diese Argumentation, da&#223; es vielf&#228;ltige Wechselbeziehungen zwischen biogenetischer Evolution und kultureller Entwicklung gibt (&#8222;genetisch-kulturelle <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/14800'>Coevolution<\/A>&#8220;; <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/34234'>Instinkt-Kultur-Verschr&#228;nkung<\/A>, <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/37624'>Kultur<\/A>, <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/37630'>kulturelle Evolution<\/A>). Zu den bekanntesten Beispielen z&#228;hlen <I><A href='\/abo\/lexikon\/bio\/34463'>Inzesttabus<\/A><\/I> als kultureller Ausdruck eines biologischen (und soziobiologisch erkl&#228;rbaren) Bed&#252;rfnisses (<A href='\/abo\/lexikon\/bio\/34477'>Inzuchtvermeidung<\/A>).<BR><\/BR>Viertens wird behauptet, Humansoziobiologen (und Evolutionspsychologen) seien &#8222;die neuen Sozialdarwinisten&#8220;. Eine solche Unterstellung zeugt von tiefer Unkenntnis nicht nur dar&#252;ber, was Soziobiologie ist, sondern auch, was <I>Sozialdarwinismus<\/I> (<A href='\/abo\/lexikon\/bio\/16856'>Darwinismus<\/A>) war bzw. ist (sozialdarwinistisch gepr&#228;gte Aussagen finden sich auch noch in der heutigen Literatur). Sozialdarwinisten waren im Gegensatz zu Soziobiologen nie daran interessiert, unter Anwendung der Darwinschen Theorie menschliches Verhalten zu erkl&#228;ren: Sie wollten Einflu&#223; auf die genetische Struktur menschlicher Populationen nehmen (&#8222;Rassenhygiene&#8220;; <I><A href='\/abo\/lexikon\/bio\/22845'>Eugenik<\/A><\/I>). Dabei gingen sie von der gruppenselektionistischen Annahme aus, die nat&#252;rliche Selektion sei ein Mechanismus, der &#8222;rassen-&#8220;, &#8222;volks-&#8220; oder &#8222;arterhaltende Zweckm&#228;&#223;igkeit&#8220; und steten &#8222;Fortschritt&#8220; produziere. Nach diesem Konzept mu&#223;te jede &#8222;Aufweichung&#8220; der nat&#252;rlichen Selektion durch sozial- und gesundheitspolitische Ma&#223;nahmen zwangsl&#228;ufig zu &#8222;Degeneration&#8220;, &#8222;Entartung&#8220; und &#8222;Verfall&#8220; f&#252;hren. Dem entgegenzuwirken, war das erkl&#228;rte Ziel der Sozialdarwinisten (<A href='\/abo\/lexikon\/bio\/45443'>naturalistischer Fehlschlu&#223;<\/A>). Die Vermutung, Soziobiologen k&#246;nnten &#228;hnlichen Ideen anh&#228;ngen (obwohl deren theoretisches Konzept ein v&#246;llig anderes ist), st&#252;tzt sich im wesentlichen auf einen Satz Wilsons, in dem dieser forderte, die <I><A href='\/abo\/lexikon\/bio\/22686'>Ethik<\/A><\/I> zu &#8222;naturalisieren&#8220; (&#8222;Scientists and humanists should consider together the possibility that the time has come for ethics to be removed temporarily from the hands of the philosophers and biologized.&#8220;). Trotz dieser (mi&#223;verst&#228;ndlichen) Formulierung sind sich die Vertreter der Soziobiologie &#8211; Wilson und Dawkins eingeschlossen &#8211; allerdings darin einig, da&#223; ihre Erkenntnisse keinerlei normativen Charakter tragen <I>(<A href='\/abo\/lexikon\/bio\/23157'>Evolution&#228;re Ethik<\/A><\/I><I>)<\/I>. Da&#223; die <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/54724'>Psychologie<\/A> aber dereinst von seiner Theorie profitieren werde, ahnte Charles Darwin schon 1859: &#8222;In the distant future I see open fields for far more important researches. Psychology will be based on a new foundation, that of the necessary acquirement of each mental power and capacity by gradation. Light will be thrown on the origin of man and his history.&#8220;"}