{"title":"Synergetik: Infobox I","body":"<STRONG>Synergetik<\/STRONG><BR><\/BR><BR><\/BR><STRONG>Selbstorganisation und Chaos.<\/STRONG> Bei Betrachtung synergetischer Zusammenh&#228;nge sind besonders physikalische und mathematische Methoden fruchtbar, die f&#252;r das Verst&#228;ndnis komplexer Systeme entwickelt worden sind, welche die Eigenschaft der <I><A href='\/abo\/lexikon\/bio\/60886'>Selbstorganisation<\/A><\/I> zeigen. Diese Systeme bestehen aus einer Vielzahl von Elementen, welche auf bestimmte Weise miteinander wechselwirken. Die &#228;u&#223;eren Bedingungen eines solchen Systems werden in Form unspezifischer <I>Kontrollparameter<\/I> formuliert (vgl. Abb. A). Diese repr&#228;sentieren z.B. den Flu&#223; von Energie oder Materie durch das System. Aufgrund des nicht n&#228;her spezifizierten Charakters der mikroskopischen Elemente ist das Anwendungsfeld dieser mathematischen Strukturtheorien ziemlich weit. In der Abb. A ist der station&#228;re Zustand <I>U<\/I><SUB>0<\/SUB> &#252;ber einem <I>Kontrollparameter &#963;<\/I> aufgetragen, der den Abstand zum <I>thermischen Gleichgewicht<\/I> messen soll. Unter dem <I>station&#228;ren Zustand<\/I> eines Systems wird der makroskopische Zustand verstanden, den es nach einer gewissen Einschwingzeit (Relaxationszeit) einnimmt und der sich bei gleichbleibenden Randbedingungen nicht &#228;ndert. Ist z.B. bei einer mit Wasser gef&#252;llten Badewanne die Wasseroberfl&#228;che zur Ruhe gekommen, so hat diese einen makroskopisch station&#228;ren Zustand eingenommen, obwohl die einzelnen Wassermolek&#252;le nach wie vor eine wilde Bewegung ausf&#252;hren <I>(mikroskopisches <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/13157'>Chaos<\/A><\/I><I>)<\/I>. Dieses System befindet sich im thermischen Gleichgewicht, solange keine &#228;u&#223;eren Einfl&#252;sse einwirken, etwa ein erneuter Wasserzuflu&#223; oder eine Hand, die das Wasser bewegt. Dieser Gleichgewichtszustand entspricht dem Ursprung des Achsenkreuzes in Abb. A und wird von der <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/66293'>Thermodynamik<\/A> beschrieben. Treibt man das System nun aus dem thermodynamischen Gleichgewicht, so bedeutet das eine Ver&#228;nderung des Kontrollparameters. Dies entspricht z.B. einem konstanten Zu- und Abflu&#223; in die bzw. aus der Badewanne. Dieser Bereich wird von der (linearen) irreversiblen <I>Nichtgleichgewichtsthermodynamik<\/I> beschrieben, f&#252;r deren Formulierung I. <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/53620'>Prigogine<\/A> 1977 den Nobelpreis f&#252;r Chemie erhielt. Entfernt man sich noch weiter vom thermodynamischen Gleichgewicht, so setzt am Punkt <I>&#963;<\/I><SUB>c<\/SUB>, wenn der thermodynamische Zustand instabil wird, der Zust&#228;ndigkeitsbereich der von Hermann Haken entwickelten Synergetik ein. An kritischen Werten eines Kontrollparameters bricht die bestehende makroskopische Ordnung zusammen, und es entsteht durch Selbstorganisation ein neuer Ordnungszustand. Im Falle der <I>Gehirnaktivit&#228;ten<\/I> sind solche Kontrollparameter z.B. die Einnahme von Drogen oder An&#228;sthetika, welche die makroskopischen Gehirnzust&#228;nde und entsprechend die Verhaltensmuster eines Menschen zu &#228;ndern verm&#246;gen. Ebenso k&#246;nnen auch optische oder akustische Reize als Kontrollparameter dienen. Haken zeigte, da&#223; im Bereich kritischer Werte des Kontrollparameters, an sog. Phasen&#252;bergangspunkten, die Dynamik des gesamten Systems durch wenige Variablen dominiert (&#8222;versklavt&#8220;) wird, den sog. <I>Ordnungsparametern<\/I> (vgl. Abb. B). Auf diese Weise kommt es in der mathematischen Beschreibung zu einer enormen Verringerung der Anzahl an relevanten Variablen, da die makroskopische Dynamik durch die Evolutionsgleichungen dieser wenigen Ordnungsparameter determiniert ist. Diese Informationsreduktion erlaubt es, qualitative &#196;nderungen in vielen komplexen Systemen noch mathematisch zu erfassen. W&#228;chst der Kontrollparameter <I>&#963;<\/I> noch weiter an, k&#246;nnen sich an dessen kritischen Werten die makroskopischen Zust&#228;nde erneut &#228;ndern, bis schlie&#223;lich der Bereich des <I>deterministischen Chaos<\/I> erreicht wird. Solche Systeme sind zwar im Prinzip mathematisch vollst&#228;ndig determiniert, doch ihre Dynamik l&#228;&#223;t sich nur f&#252;r sehr kleine Zeiten vorhersagen. Dies liegt an der hohen Empfindlichkeit der Prozesse gegen&#252;ber den Anfangsbedingungen. Das bedeutet, da&#223; bei Wiederholung eines Experiments oder einer Berechnung eine winzige Abweichung in den Anfangsbedingungen bereits eine v&#246;llig unterschiedliche Dynamik zur Folge hat. So k&#246;nnen auch kleine Ursachen gro&#223;e Wirkungen entfalten. In solchen Systemen herrscht (mathematisch wohldefiniertes) <I>makroskopisches Chaos<\/I>. Jedoch k&#246;nnen auch dort Inseln stabiler neuer Ordnung auftreten, die im Normalfall auf kleine Parameterbereiche beschr&#228;nkt sind. Bei weiterer Erh&#246;hung des Kontrollparameters bildet vermutlich die voll entwickelte <I>Turbulenz<\/I> das Ende dieser Kette (vgl. Abb. A).<BR><\/BR><STRONG>Koordinationsexperimente<\/STRONG> verdeutlichen die Methoden und Erfolge synergetischer Beschreibungen besonders gut. Das erste Experiment (nach Scott Kelso) ist ein <I>motorisches<\/I> Koordinationsexperiment, in dem eine Versuchsperson ihre beiden Zeigefinger gegenphasig zueinander hin und her bewegt (vgl. Abb. C). Da die H&#228;nde spiegelsymmetrisch zueinander sind, bedeutet Gegenphase (<A href='\/abo\/lexikon\/bio\/50946'>Phase<\/A>) f&#252;r den linken Zeigefinger eine Bewegung nach links, wenn der rechte Zeigefinger sich ebenfalls nach links bewegt. Erh&#246;ht man die Fingerbewegungsfrequenz, so findet bei einer kritischen Frequenz ein unwillk&#252;rlicher &#220;bergang von Gegenphase in Gleichphase statt. Dieser &#220;bergang ist spontan und l&#228;&#223;t sich nicht verhindern. Er scheint eine spezifische Charakteristik des menschlichen <A href='\/abo\/lexikon\/bio\/44149'>motorischen Systems<\/A> zu sein. Wird umgekehrt mit gleichphasigen Bewegungen begonnen, findet jedoch kein &#220;bergang in Gegenphase statt. Vor dem &#220;bergang liegen also zwei m&#246;gliche Zust&#228;nde vor: Gleichphase und Gegenphase, nach dem &#220;bergang nur noch der Zustand der Gleichphase. Zur mathematischen Beschreibung dieser Beobachtungen vgl. Abb. D: Die schwarze Kugel repr&#228;sentiert den momentanen Zustand der Bewegung. Die &#228;u&#223;ere Mulde stellt den gegenphasigen Zustand dar, die innere den gleichphasigen. Bei Erh&#246;hung der Bewegungsfrequenz wird die &#228;u&#223;ere Mulde flacher, bis man an die kritische Frequenz gelangt. Dort kann sich die Kugel dann nicht mehr halten und rollt in die innere tiefere Mulde hinab, welche dem gleichphasigen Bewegungszustand entspricht. Ist die Kugel dort einmal angelangt, kommt sie aus dieser Senke nicht mehr heraus, selbst wenn die Bewegungsfrequenz wieder erniedrigt wird. Diese Darstellung wurde von Haken, Kelso und Herbert Bunz vorgeschlagen. Sie modellierten die Dynamik der Zeigefinger mathematisch durch 2 Oszillatoren, die nichtlinear (<A href='\/abo\/lexikon\/bio\/46356'>nichtlineare Systeme<\/A>) gekoppelt sind und bei der kritischen Frequenz diesen in Abb. D illustrierten Phasen&#252;bergang ausf&#252;hren. Der in diesem Modell verwendete Kopplungsmechanismus ist als <I>HKB-Kopplung<\/I> bekannt geworden. Mit dem Modell l&#228;&#223;t sich auch erkl&#228;ren, da&#223; bei einem Start oberhalb der kritischen Frequenz nur gleichphasige Bewegung m&#246;glich ist und kein &#220;bergang in den gegenphasigen Zustand stattfindet, wenn die Frequenz der Fingerbewegungen dann erniedrigt wird. Dies konnte experimentell leicht best&#228;tigt werden. Es liegt eine sog. <I>Hysterese<\/I> (Beharrung in einem Zustand) vor &#8211; die Kugel im Diagramm kann die zentrale Mulde nicht verlassen. &#8211; In einem zweiten Experiment fand unter analogen Bedingungen eine Koordination zwischen Fingerbewegung und einem akustischen &#228;u&#223;eren Stimulus statt: Jeweils zwischen 2 Pfeift&#246;nen mu&#223;te die Versuchsperson eine Taste dr&#252;cken. Der zeitliche Abstand der T&#246;ne wurde nach und nach vermindert. Entsprechend trat bei einer kritischen Stimulusfrequenz ein unwillk&#252;rlicher &#220;bergang von gegenphasiger Koordination zu gleichphasiger Koordination zwischen Fingerbewegung und akustischem Stimulus auf: die Tastendr&#252;cke erfolgten nun nicht mehr zwischen, sondern mit den Pfeift&#246;nen. (Ein solches Ph&#228;nomen ist auch vom Applaus des Publikums nach einem Konzert oder Theaterst&#252;ck bekannt: Von einem ungeordneten Klatschen geht der Beifall spontan in ein geordnetes gleichphasiges Klatschen &#252;ber, welchem man sich schwer entziehen kann.) Dieser &#220;bergang l&#228;&#223;t sich mit Hilfe der HKB-Kopplung mathematisch beschreiben: Die Bewegung eines Zeigefingers wird mit dem &#228;u&#223;eren akustischen Stimulus identifiziert. Ansonsten wird das Modell aus dem ersten Experiment beibehalten. Eine mathematische Diskussion der erhaltenen Gleichungen zeigt, da&#223; die experimentell beobachteten Ph&#228;nomene mit diesen modifizierten Gleichungen reproduziert werden k&#246;nnen. Dasselbe Ph&#228;nomen wurde auch bei Experimenten mit einer visuellen Kopplung zweier Personen gefunden. Deren Aufgabe war es, ein Pendel oder das eigene Bein in Gegenphase zum Pendel bzw. Bein der anderen Person zu bewegen. Es trat wiederum bei einer kritischen Frequenz ein &#220;bergang in den gleichphasigen Bewegungszustand auf. Bei einem dritten Experiment wurde w&#228;hrend des zweiten Experiments (Finger &#8211; Stimulus) bei der Versuchsperson ein MEG aufgenommen. Die Datenanalyse zeigte, da&#223; hier koh&#228;rente makroskopische Raum-Zeit-Strukturen von Aktivit&#228;tsmustern im Gehirn entstehen und einen Phasen&#252;bergang bei derselben kritischen Stimulusfrequenz aufweisen, bei der auch der Phasen&#252;bergang im motorischen Verhalten auftritt. Und wiederum kann dieser &#220;bergang mathematisch beschrieben werden, indem in der HKB-Kopplung der eine Zeigefinger durch den &#228;u&#223;eren akustischen Stimulus und der andere Zeigefinger durch das raumzeitliche Gehirnsignal ersetzt wird. Dies legt die Hypothese nahe, da&#223; die HKB-Kopplung einen Kopplungsmechanismus des Nervensystems beschreibt, der f&#252;r Koordinationen ma&#223;geblich ist. (Tats&#228;chlich konnten auf diese Weise z.B. auch die ver&#228;nderten Gangarten von Pferden [vgl. Abb. 2] beim &#220;bergang vom Schritt in Trab und vom Trab in den Galopp modelliert werden.) Derselbe Kopplungsmechanismus ist also sowohl in F&#228;llen von Interaktion k&#246;rperinterner Vorg&#228;nge untereinander als auch k&#246;rperinterner und -externer Vorg&#228;nge miteinander wirksam. Er zeigt, da&#223; die neuronal gesteuerte Motorik nicht einfach mit einem klassischen Computerprogramm gleichgesetzt werden kann, denn dies hat weder Platz f&#252;r zuf&#228;llige Schwankungen, wie sie beim Phasen&#252;bergang beobachtet werden, noch zeigt es Ph&#228;nomene wie die Hysterese und das sog. kritische Langsamerwerden.R.V."}