Lexikon der Neurowissenschaft

posttraumatische Belastungsstörung

Psychische Störungen aufgrund von Kindheitserfahrungen:

Wie schon S. Freud vermutete, können frühkindliche Erfahrungen zu verschiedenen psychischen Störungen führen. Experimente mit Makaken ergaben indirekte Hinweise für die Richtigkeit dieser Hypothese. Zunächst wurden die Mütter von 30 Affenbabys in drei Gruppen eingeteilt und über zwölf Wochen hinweg unterschiedlich mit Nahrung versorgt: Die eine Gruppe bekam direkt und ausreichend Futter dargeboten, die andere mußte es sich selbst aus aufgeschütteten Holzhaufen herausgraben oder mit Geschicklichkeitstests verdienen, bei der dritten wurde alle zwei Wochen zwischen diesen beiden Alternativen gewechselt (die Babys aller Mütter bekamen jeweils ausreichend Nahrung). Die Mütter dieser dritten Gruppe entwickelten die meisten Streßsymptome und kümmerten sich am wenigsten um ihren Nachwuchs. Zwei Jahre später zeigte dieser eine stärkere Furcht bei neuen Situationen und größere Angst bei vorübergehender Trennung von der Mutter als der Nachwuchs der Kontrollgruppen. Die Cerebrospinalflüssigkeit der Kinder der gestreßten Mütter enthielt auch viel größere Konzentrationen des Streßhormons Corticoliberin (Abk. CRF) als die ihrer gleichaltrigen Artgenossen, und zwar unabhängig davon, ob deren Mütter ihre Nahrung ausreichend und leicht oder knapp und schwierig erhielten. Die Unregelmäßigkeit und Nichtvorhersehbarkeit der Fütterungsart war bei den Weibchen also Streßauslöser, und dies bekamen ihre Kinder zu spüren. CRF und seine Rezeptoren sind in vielen Hirnregionen lokalisiert, die vermutlich bei Angststörungen und Depressionen eine Rolle spielen (z.B. präfrontaler Cortex, Cingulum, Insula, Amygdala). Hohe CRF-Werte sind auch typisch für Menschen mit Angst- und posttraumatischen Belastungsstörungen, die eine Folge von Mißbrauch oder Vernachlässigung in der Kindheit sein können. So zeigten Hormonmessungen, daß Frauen, die in ihrer Kindheit sexuell mißbraucht oder geschlagen wurden, als Erwachsene einen sechsfach höheren Spiegel von ACTH (adrenocorticotropes Hormon) und Cortisol hatten als unversehrte Frauen gleichen Alters, und zwar unabhängig davon, ob sie nun unter einer Depression litten oder nicht. Die Ausschüttung von ACTH und Cortisol wird von CRF gesteuert.

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