Lexikon der Neurowissenschaft

Prosopagnosie

Beispielsweise büßte ein Professor an einer Musikhochschule nicht nur die Fähigkeit ein, Gesichter zu erkennen und verwechselte deshalb seine Frau gelegentlich mit einem Hutständer, sondern vermutete auch Gesichter, wo gar keine waren. Auf der Straße tätschelte er im Vorbeigehen Hydranten und Parkuhren, weil er sie für Kinder hielt; liebenswürdig sprach er geschnitzte Pfosten an und war erstaunt, wenn sie keine Antwort gaben. Andere Patienten wissen zwar, daß sie ein Gesicht sehen, können es aber nicht mehr identifizieren. So kamen einem Unteroffizier, nachdem er 1944 am Kopf verwundet wurde, alle Gesichter gleich vor: als seltsame flache, weiße, ovale Teller mit eindrucksvollen dunklen Augen. Allerdings konnte er sich die Gesichter von Menschen, die er vor seiner Verletzung gesehen hatte, noch vorstellen. Ein anderer Patient beschrieb seine Beeinträchtigung folgendermaßen: "Ich kann die Augen und die Nase und den Mund ganz klar erkennen, aber ich kann daraus kein Bild formen. Sie scheinen alle wie auf einer schwarzen Wandtafel mit Kreide eingezeichnet zu sein." Auch die Unterscheidung von Tierarten oder sogar Individuen derselben Art kann bei Prosopagnostikern beeinträchtigt sein. Beispielsweise hatte eine betroffene Hobby-Ornithologin die Fähigkeit eingebüßt, verschiedene Vogelarten auseinanderzuhalten. Und ein prosopagnostischer Farmer war nicht mehr in der Lage, die Gesichter seiner Kühe zu unterscheiden, obwohl er noch erkennen konnte, daß es sich um Kühe handelte. Ein Wärter in einem naturkundlichen Museum dagegen verwechselte sein eigenes Spiegelbild mit dem Schaubild eines Affen.

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