Lexikon der Neurowissenschaft

Verhalten

1 Hirnreizungsexperimente und Verhalten:

Werden Kaimane im Bereich des ventromedialen Kerns des basalen Vorderhirns elektrisch stimuliert, der von der Morphologie als homolog zur Amygdala bei Säugern eingestuft wird, zeigen diese Tiere ein gerichtetes Fluchtverhalten, gehen dabei Hindernissen aus dem Weg und weisen z.T. zusätzliche vegetative und motorische Ausdrucksmuster wie schnelles Atmen und Vokalisation auf. Nach Läsionen in diesem Bereich können die Verhaltensweisen nur noch in geringem Umfang und nach langer externer Stimulation durch bedrohliche Reize ausgelöst werden. Im Kontrast dazu stehen Stimulationsexperimente bei Amphibien. Bei Reizung im Tectum des Mesencephalons der Erdkröte, in dem ihr Gesichtsfeld repräsentiert ist, können Orientierungs- und Zuschnappbewegungen beim freibeweglichen Tier ausgelöst werden, die dem normalen Verhalten, hervorgerufen durch einen natürlichen Reiz oder eine Reizattrappe, entsprechen. Wird die Übergangszone zwischen Mesencephalon und Diencephalon (Thalamus) gereizt, läßt sich beim gleichen Tier Fluchtverhalten auslösen, wie es unter natürlichen Bedingungen von einem größeren Objekt im Gesichtsfeld hervorgerufen wird. Läsionen haben gezeigt, daß diese Region einen hemmenden Einfluß auf die Region ausübt, die das Beuteverhalten koordiniert. Weitere Läsionsstudien ergaben, daß beide Mechanismen durch das Telencephalon gehemmt werden. Hier scheint insbesondere das ventrale mediale Pallium wichtig zu sein, das homolog ist zum Hippocampus der Säuger. Bei Läsionen des Telencephalons sind einzig die Orientierungsreaktionen der Kröten gestört, während die eigentlichen Instinkthandlungen (Instinkt), die Flucht und die Zuschnappbewegung, leichter ausgelöst werden können. Diese Befunde lassen darauf schließen, daß Instinkthandlungen bei Amphibien durch entsprechende natürliche Reize auf dem Integrationsniveau des Mesencephalons ohne die Beteiligung von telencephalischen Mechanismen ausgelöst werden können.

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