Lexikon der Neurowissenschaft

Bewußtseinsstörungen

spezifische Bewußtseinstrübungen und ihre Ursachen:

Im Bereich des Sehens gibt es visuelle Agnosien, zu denen Blindsehen (der Verlust bewußten Sehens, vor allem nach Läsionen im Bereich des primären visuellen Cortex), apperzeptive Agnosie (Verlust jeglicher Objekterkennung bei Erhalt visueller Grundfunktionen nach großflächigen Schädigungen des lateralen Occipitallappens), Prosopagnosie (Verlust der Gesichtererkennung nach Läsionen im Grenzbereich zwischen unterem Occipital- und Temporallappen), Alexie (Beeinträchtigung des Lesens nach Läsion des Gyrus fusiformis und lingualis im temporo-occipitalen Cortex), visuell-räumliche Agnosie (Unfähigkeit, sich in vertrauter Umgebung zurechtzufinden, nach Verletzung vor allem der rechten occipito-temporalen Region) sowie der Verlust visueller Vorstellungen (nach Läsionen der parieto-occipitalen linken Hemisphäre). Weitere Einschränkungen bewußten Erlebens sind taktile Agnosie (Störung der Objektwahrnehmung mit Hilfe des Tastsinns, oberer posteriorer Parietallappen [PP]), Agraphie (Störungen der Schreibfähigkeit, unterer PP), Akalkulie (unterer linker PP), Apraxie (Verlust feingesteuerter Bewegungen, unterer hinterer linker PP), konstruktive Apraxie (Unfähigkeit, Objekte zusammenzusetzen, aufzubauen oder etwas zu zeichnen, beidseitige oder einseitige Parietallappen-Läsionen), gestörtes Körperbild (Läsion im Feld PE des Parietallappens). Eine besonders auffallende Bewußtseins- und Aufmerksamkeitsstörung ist ein Neglect, meist einseitig als Hemineglect, d.h. das Nichtbeachten von Geschehnissen in einer Hälfte der Erlebniswelt, z.T. einschließlich einer Hälfte des eigenen Körpers (nach Läsionen des - meist rechten - Parietallappens). Verwandt hiermit ist die Anosognosie, d.h. das Leugnen oder Nichtgewahrwerden von Erkrankungen oder Defekten des eigenen Körpers; auch hier wird eine Schädigung des Parietallappens angenommen. Zerstörung des inferotemporalen und medial-temporalen Cortex einschließlich der Hippocampusformation führen zu anterograder und retrograder Amnesie, d.h. zu zurückreichender und voranschreitender Beeinträchtigung des deklarativen Lernens und Gedächtnisses. Fehlende Kategoriebildung tritt nach Zerstörung des linken unteren Temporallappens auf, affektive Persönlichkeitsveränderungen vornehmlich nach Zerstörung des rechten unteren Temporallappens. Läsionen des präfrontalen Cortex im Bereich von A44 führen zur Broca-Aphasie, d.h. der Beeinträchtigung von Grammatik und Syntax. Läsionen im dorsolateralen präfrontalen Cortex (A9, A46) führen zum Verlust des divergenten Denkens, der umweltgesteuerten Verhaltenskontrolle, des assoziativen Lernens und des Arbeitsgedächtnisses. Spontaneität des Verhaltens sowie soziales, ethisch-moralisches Verhalten und das Abschätzen der Risiken eigenen Verhaltens sind nach Läsionen des medialen und orbitofrontalen präfrontalen Cortex beeinträchtigt.

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