Lexikon der Neurowissenschaft

binokulares Sehen

binokulares Sehen bei Tieren:



Die Größe des binokularen Sehfeldes korreliert mit der Lebensweise des Individuums. Tiere, die aktiv Beute fangen oder die ihre Extremitätenkoordination visuell steuern, besitzen ein großes binokulares Sehfeld. Bei Primaten erreicht es eine Größe von 150°, bei Katzen 130°, bei Greifvögeln und der Gottesanbeterin etwa 60°. Tiere, die Freßfeinde fürchten und deshalb frühzeitig erkennen müssen, haben ihre Augen seitlich am Kopf. Dadurch vergrößert sich ihr Gesamt-Sehfeld, sie besitzen allerdings nur ein kleines binokulares Feld. Die Taube z.B. besitzt ein Sehfeld von insgesamt 340° mit einem binokularen Anteil von nur 35°. Bei manchen dieser Arten (Kaninchen, Fliegen) existiert auch ein zweites binokulares Feld hinter dem Tier. Bei solchen Tieren mit seitlicher Augenstellung findet eine fast vollständige Überkreuzung der Sehnervenfasern im Chiasma opticum statt, so daß jedes Auge in die gegenüberliegende Hirnhälfte projiziert. Über den Balken (Corpus callosum) erfolgt dann die Zusammenführung der Signale von korrespondierenden Netzhautstellen. Im Gegensatz dazu findet bei Tieren mit großem binokularem Feld eine teilweise Überkreuzung im Chiasma opticum statt (auch beim Menschen), so daß Signale korrespondierender Netzhautstellen zusammen ins Sehhirn laufen. - Tiere mit Komplexaugen können nicht wie Wirbeltiere Konvergenzbewegungen der Augen (Augenbewegungen) nach innen durchführen, um ein nahes Objekt zu fixieren. Vielmehr geben ihnen die Sehachsen korrespondierender Ommatidienpaare auf den Augeninnenseiten Aufschluß über die Entfernung eines fixierten Objekts. Je weiter innen dieses Paar liegt, desto näher liegt der Schnittpunkt am Tier. Frontal am Auge befindliche Ommatidien mit nahezu parallel verlaufenden Sehachsen sind dafür nicht geeignet. Bei der räuberischen Libellenlarve überdeckt die Mehrzahl der Ommatidien des binokularen Sehfelds exakt den Schlagbereich ihrer Fangmaske. Die Gottesanbeterin benutzt binokulares Sehen, um Entfernung und Geschwindigkeit einer Beute zu bestimmen. Sie folgt der Beute mittels Kopf-Saccaden und schlägt bei geeigneter Entfernung von 20-30 mm, entsprechend einer Disparität von 10°, zu. Bei Abdeckung eines Auges ist ihr binokulares Sehen beeinträchtigt, und sie schlägt daneben. Setzt man einer Gottesanbeterin ein lichtbrechendes Prisma vor ein Auge, schlägt sie zu weit, obwohl sie die Disparität mit 10° richtig bestimmt hat. Bei Präsentation von zwei Beuteobjekten schlägt sie bevorzugt nach dem näheren. Zwei seitlich versetzte Beuteobjekte werden von beiden Komplexaugen in verschiedenen Regionen wahrgenommen. Es entsteht durch die Überkreuzung zweier Sehachsen (linkes Auge fixiert rechte Beute, rechtes Auge fixiert linke Beute) ein Ghost-Bild. Man kann die Gottesanbeterin veranlassen, nach diesem Ghost zu schlagen, wenn man die beiden äußeren Sehstrahlen (linkes Auge fixiert linke Beute, rechtes Auge fixiert rechte Beute) abdeckt.

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