Lexikon der Neurowissenschaft

Cannabinoide

Therapeutischer Einsatz von Cannabinoiden:

Viele Mediziner setzen derzeit große Hoffnungen auf die Legalisierung des Einsatzes von Cannabinoiden in der Schmerztherapie. Untersuchungen bei Tumorpatienten zeigen, daß Cannabispräparate neben Schmerzlinderung u.a. Übelkeit vermindern, den Appetit anregen, Krämpfen entgegenwirken und die Stimmung heben. In den USA ist ein synthetisches THC-Präparat (Marinol®) in der Krebs- und AIDS-Therapie zur Bekämpfung der Übelkeit bei Chemotherapie zugelassen; in Deutschland kann dieses Präparat seit 1998 verschrieben und aus den USA importiert werden. Natürliche Cannabinoide bleiben verboten. Cannabisprodukte könnten vor allem in Kombination mit Opiaten wie Morphin eingesetzt werden und so eine wirkungsvolle Schmerzbekämpfung ohne die gefürchteten Gewöhnungseffekte der Opiate ermöglichen. - Kritiker dieser Therapieansätze argumentieren, Cannabis würde aufgrund seiner rauscherzeugenden Wirkung eine Schmerzlinderung nur vortäuschen, ein zu hohes Suchtpotential beinhalten und außerdem durch die Beeinträchtigung des Immunsystems ein potentielles Gesundheitsrisiko darstellen. Bei Menschen, die THC über den Verdauungstrakt aufnehmen (z.B. über Hanföl), können Schwindel, Bewußtseinsstörungen, Schlaflosigkeit, Übelkeit und Herzklopfen auftreten.

Durch die Entdeckung der Cannabinoidrezeptoren sowie der Entwicklung von Cannabinoidrezeptor-Blockern bzw. -Antagonisten wird die Suche nach synthetischen Cannabinoiden mit schmerzlindernder, aber nicht berauschender oder suchtfördernder Wirkung möglich. Der CB1-Rezeptor spricht nicht nur auf THC an, sondern auf körpereigene N-Acylethanolamine, Abkömmlinge ungesättigter Fettsäuren. Ein solches Cannabinoid, Anandamid (N-Arachidonoylethanolamin), wird von Nervenzellen freigesetzt, bindet an die CB1-Rezeptoren und kann (in weit schwächerer Form) die psychoaktive Wirkung pflanzlicher Cannabinoide nachahmen. Ein zweites körpereigenes Cannabinoid, das Palmithylethanolamid (PEA), dockt an einem zweiten Rezeptor (CB2) an. Zumindest im Tierversuch kann eine Kombination von Anandamid und Palmithylethanolamid die Schmerzreaktion wirkungsvoll verringern. Natürliche Cannabinoide scheinen sich auch zur lokalen Schmerzlinderung zu eignen; Nebenwirkungen auf das Zentralnervensystem werden vermieden. Die Suche richtet sich demnach auf Wirkstoffe, die gezielt die Wirkung der körpereigenen Substanzen an den Rezeptoren nachahmen.

[Drucken] [Fenster schliessen]