Lexikon der Neurowissenschaft

Kooperation

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurde den Phänomenen der Kooperation wenig Beachtung geschenkt, da sie unter gruppenselektionistischen Gesichtspunkten als Anpassungen zum Wohl der Population bzw. der Art gewertet wurden. Aus der nahezu vollständigen Ablösung der Vorstellung der Gruppenselektion durch die Individualselektion ergaben sich danach zwei bedeutende Erweiterungen der Evolutionstheorie: 1) die Verwandtschaftstheorie (E kinship theory) und 2) die Reziprozitäts-Theorie (Wechselseitigkeits-Theorie, E reciprocation theory, auch reziproker Altruismus genannt). Die meisten Fälle von eindeutigem Altruismus und die meisten beobachteten Kooperationen gehen mit einem hohen Verwandtschaftsgrad der beteiligten Individuen einher. Kooperation kann jedoch auch dann auftreten, wenn der Verwandtschaftsgrad niedrig ist oder keine Verwandtschaft besteht, z.B. bei Symbiosen. Mit Hilfe der Reziprozitäts-Theorie können das Entstehen und der Erhalt kooperativer Beziehungen trotz der egoistischen Interessen der einzelnen erklärt werden. Das spieltheoretische Modell des Gefangenendilemmas zeigt, daß es zwischen zwei Individuen zu Kooperationen kommen kann, auch wenn ein "Betrügen" oder "Ausbeuten" des Partners kurzfristig den größeren Erfolg bringen würde. Eine Taktik, die auf Reziprozität basiert und Kooperation zur Folge haben kann, ist die sogenannte tit-for-tat-Taktik (tit for tat).

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