Lexikon der Neurowissenschaft

Neuropeptide

Neuropeptide von Invertebraten:

Die überaus zahlreichen Neuropeptide der Invertebraten kontrollieren - wie bei den Wirbeltieren - die Aktivität endokriner Drüsen, beeinflussen aber stärker noch als die Neuropeptide der Wirbeltiere direkt physiologische Prozesse (Diapause, Reproduktion, Farbwechsel), rhythmische Prozesse (circadiane Aktivität, Flug, Schlüpfen), Arbeit der Visceralmuskeln, Osmoregulation, Stoffwechsel und Eiablageverhalten. Dies ergibt sich daraus, daß distinkte Hormondrüsen, die nicht-neuraler Herkunft sind, nach heutigem Kenntnisstand bei vielen Invertebraten noch nicht vorkommen. Erst bei höher entwickelten Gruppen finden sich derartige Drüsen, wie z.B. die Prothoraxdrüsen und die Corpora allata bei Insekten, sowie die Y-Organe, Mandibularorgane und das X-Organ-Sinusdrüsen-System bei Crustaceen. Bei Mollusken scheinen Drüsen dieser Art besonders selten zu sein. Zu nennen sind hier die optischen Drüsen von Octopus oder die Atrialdrüsen von Schnecken. Dennoch gibt es eine ausgeprägte formale Ähnlichkeit mit dem Hypothalamus-Hypophysensystem der Wirbeltiere beim Hormonsystem der Insektenentwicklung. Zu diesem gehören die am längsten bekannten Neuropeptide der Insekten, das prothorakotrope Hormon, das Pentapeptid Proctolin und das Dekapeptid AKH (adipokinetisches Hormon). Weitere Insektenneuropeptide sind die hypertrehalosämischen Faktoren, 2 Neuropeptide, die die Tönnchenbildung bei Dipteren kontrollieren, Herzschlag-aktivierende Faktoren (Neurohormon D, das große Ähnlichkeit mit dem adipokinetischen Hormon besitzt) und Peptide, die Pigmentwanderungen in den Chromatophoren regulieren ("Dunkelfaktor", "Hellfaktor"). Bei Mollusken sind 2 Neuropeptide beschrieben worden, die das Verhalten bei der Eiablage steuern (Eiablagehormon).

Inzwischen sind mehr als 50 Insekten-Neuropeptide beschrieben worden; ihre Zahl nimmt weiterhin rapide zu. Eine einheitliche Nomenklatur für diese Vielfalt ist zwar vorgeschlagen worden, hat sich aber bis jetzt noch nicht generell durchgesetzt. Ähnlich wie bei den Wirbeltieren können die Neuropeptide der Insekten in größere funktionelle Gruppen unterteilt werden: 1) Faktoren, die bei Entwicklungsprozessen eine Rolle spielen (prothorakotrope Hormone); 2) homöostatische Neuropeptide und solche, die das Verhalten beeinflussen: 2a) myotrope Peptide (cardioacceleratorische Neuropeptide, enddarmstimulierende Neuropeptide, Inhibitoren der Visceralmuskeln, Proctolin), 2b) metabolische Peptide (AKH/RPCH-Familie; adipokinetisches Hormon), 2c) diuretische Peptide, 2d) Eclosionshormon, 2e) Pheromon-Biosynthese aktivierende Peptide, 2f) pigmentdispergierende Peptide; 3) reproduktive Peptide (egg development neurosecretory hormone, oostatisches Hormon - trypsin modulating oostatic factor, Corpora allata stimulierende und inhibierende Faktoren, Allatostatine).

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