Lexikon der Biologie



Chlorkohlenwasserstoffe

Belastung der belebten Natur durch Chlorkohlenwasserstoffe

Die Belastung der Muttermilch durch Chlorkohlenwasserstoffe – in den 1980er Jahren noch ein großes Problem – ist in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. Mitte der 80er Jahre wurden nach einer Studie pro Person und Tag mit den Nahrungsmitteln in der Bundesrepublik Deutschland 110 μg chlorierte organische Lösungsmittel aufgenommen, mit der Luft waren es etwa 100 μg; durch das Trinkwasser wurde jeder Bundesbürger mit etwa 4 μg pro Tag belastet. (Etwa die Hälfte der aufgenommenen Chlorkohlenwasserstoffe wird sofort wieder ausgeschieden, die andere Hälfte bleibt im Körper und geht in den Stoffwechsel.) Aufgeschlüsselt für fünf verschiedene Substanzen, lag die durchschnittliche tägliche effektive Belastung (in μg pro Person und Tag) bei 7,7 für Tetrachlorkohlenstoff, 9,1 für Chloroform, 14,0 für Trichlorethan, 16,8 für (das heute als carcinogen eingestufte) Trichlorethylen und 77,0 für Perchlorethylen. Eine weitere wichtige Belastungsquelle stellen die schwerflüchtigen Chlorkohlenwasserstoffe dar, unter ihnen vor allem DDT und seine Abbauprodukte (Insektizid), Hexachlorcyclohexan (HCH) und seine Isomere (Insektizid), Hexachlorbenzol (HCB) (Pflanzenschutzmittel) und die polychlorierten Biphenyle (PCB), eine Gruppe von Industriechemikalien. Diese Stoffe erreichen den Menschen vor allem über die Nahrung, und zwar zu ca. 70% über tierische, zu 25% über pflanzliche Nahrungsmittel, nur der Rest über Luft, Wasser usw. Die bedenkliche Anreicherung dieser Stoffe im menschlichen Fettgewebe wurde besonders durch die seinerzeit starke Belastung der Muttermilch deutlich: Spuren der genannten Stoffe ließen sich bei praktisch jeder Frau nachweisen, und häufig lagen die Konzentrationen über den für Nahrungsmittel geltenden Höchstgrenzen. – Die Belastung der belebten Natur mit Chlorkohlenwasserstoffen ist auch heute noch ein weltweites Problem und keinesfalls auf die Regionen (insbesondere Industrieländer) beschränkt, in denen diese Stoffe produziert und angewandt werden. Dies zeigt auch das über sechs Jahre von Forschern zahlreicher Länder und Organisationen unter der Bezeichnung Arctic Monitoring and Assessment Programme (Amap) durchgeführte und 1997 abgeschlossene Forschungsprojekt. Danach werden Mensch und Tiere auch im nördlichen Polargebiet vor allem durch polychlorierte Biphenyle und Pflanzenschutzmittel wie DDT, Lindan usw. (und deren Abbauprodukte) stark belastet. So sind die Kinder einiger indigener Völker so hohen Schadstoffkonzentrationen ausgesetzt, daß ihr Körper bis zu 10mal größere Mengen dieser Substanzen enthält, als dies in südlichen Ländern der Fall ist. Eisbären, Fische, See- und Greifvögel wiesen Konzentrationen auf, die in Laborversuchen zu Immun- und neurologischen Schäden führten und zum Teil die Fortpflanzung beeinträchtigten. Schon seit längerem bekannt ist auch das Legen von extrem dünnschaligen Eiern bei Vögeln, die sehr hohe Mengen an dem DDT-Abbauprodukt DDE enthielten. – Die Verfrachtung der Chlorkohlenwasserstoffe in selbst entlegenste Arktisregionen erfolgt zum größten Teil mit dem Wasser in Flüssen und im Meereis sowie über die Atmosphäre (insbesondere im Winter über starke, aus dem Süden kommende Winde). Die Hauptquelle der arktischen Chlorkohlenwasserstoff-Belastung wird in den russischen Industrieregionen gesehen; die sibirischen Flüsse (z. B. Ob und Jenissej) sind insbesondere mit PCB und DDT hoch belastet. – Die langfristigen Gefahren der Belastung mit schwerflüchtigen Chlorkohlenwasserstoffen sind zum Teil noch umstritten (im Fall von z. B. DDT aber auch nachgewiesen), ein Verbot aller abbauresistenten Stoffe dieser Gruppe wird weithin gefordert.





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