Lexikon der Biologie



Chorea

Gemeinsam ist den die Chorea kennzeichnenden neuronalen Störungen eine Bewegungsstörung, die in unkoordinierten Zuckungen einzelner Muskeln oder Muskelgruppen besteht. Befinden sich die Patienten im Ruhezustand, laufen diese Zuckungen in ständiger Wiederholung ab; sie verstärken sich bei willentlich ausgelösten Bewegungen und können sich unter Emotionen so steigern, daß sie den Patienten überwältigen und geordnete Bewegungsabläufe unmöglich machen. Zu Beginn der Erkrankung sind zunächst distale Muskelgruppen betroffen, im weiteren Verlauf der Erkrankung werden dann die verschiedensten Muskeln von der Bewegungsunruhe erfaßt, auch die Mimik kann betroffen sein. Diese choreatischen Hyperkinesen wirken wie zusammenhangslose Fragmente intendierter Bewegungsabläufe. Choreatische Bewegungen verschwinden im Schlaf. Ursächlich sind ihnen Fehlfunktionen in den Basalganglien. Man unterscheidet im wesentlichen 3 Formen der Chorea:

1) Chorea minor, Chorea Sydenham, nach T. Sydenham benannte Form der Chorea als Folge eines nach Streptokokkeninfektion auftretenden rheumatischen Fiebers (Rheumatismus), wobei Antikörper mit körpereigenen Antigenen in den Basalganglien reagieren. Diese Form der Chorea betrifft Kinder bis zur Vorpubertät, Mädchen häufiger als Jungen (ca. 3:1). Die Hyperkinese entwickelt sich langsam und verläuft gelegentlich unauffällig, kann sich aber unter emotionalen Belastungen bis zum Bewegungssturm ausweiten. Die Krankheit dauert einige Wochen bis zu einem halben Jahr und heilt meist folgenlos aus.

2) Chorea gravidarum, Schwangerschafts-Chorea; ein choreatisches Syndrom kann im 3. bis 5. Monat der Schwangerschaft auftreten und bis zu ihrem Ende anhalten. Unter ungünstigen Umständen kann die Chorea gravidarum eine Fehlgeburt (Abortus) auslösen. Ihre Symptome sind denen der Chorea minor ähnlich, etwa die Hälfte der betroffenen Frauen berichten von einer Chorea minor im Kindesalter.

3) Chorea Huntington, Huntington-Chorea, Huntington disease, Huntington-Syndrom, Huntington-Erkrankung, Morbus Huntington, Erbchorea, erblicher Veitstanz, Erbveitstanz, nach G. Huntington benannte, progressiv verlaufende neurologische Erbkrankheit mit Bewegungsstörungen und Demenz. Das Manifestationsalter liegt zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr mit einem Gipfel um das 45. Lebensjahr; seltene Formen (juvenile Huntington-Erkrankung) treten schon im Jugendalter auf. Die Krankheitsdauer beträgt 12–25 Jahre, die Häufigkeit in Europa 1:10 000–1:50 000, wobei Männer und Frauen gleich häufig betroffen sind. Der Erbgang ist autosomal dominant bei vollständiger Penetranz (s. u.). – Die Krankheit setzt meist mit psychischen Veränderungen, z. B. Reizbarkeit und Unzuverlässigkeit, ein. Es folgen zunehmende affektive Enthemmung, Gewalttätigkeit, Paranoia und Demenz. Die Bewegungsstörungen sind gröber als bei der Chorea minor und umfassen z. B. Grimassieren der mimischen Muskulatur, Hyperkinese beim Gehen und okulomotorische Störungen. Die Gehirne von Chorea-Patienten weisen sowohl Atrophien im Cortex- als auch im Basalganglienbereich auf; letztgenannter zeigt große Neuronenverluste (vor allem von mittelgroßen, bedornten Zellen im Striatum), wodurch die intracorticale Informationsübertragung gestört wird. Das Gehirn im ganzen ist kleiner und untergewichtig. – Wahrscheinlich entsteht die Krankheit durch ein Ungleichgewicht zwischen den verschiedenen Neurotransmittersystemen der Basalganglien. Involviert sind die glutamaterge Projektion vom Cortex zu den Basalganglien, die GABAerge Projektion der Basalganglien zur Substantia nigra, die dopaminerge Projektion von der Substantia nigra zu den Basalganglien und cholinerge Neuronen in den Basalganglien. Eine anerkannte Hypothese postuliert, daß die GABAergen und cholinergen Neuronen der Basalganglien während des Krankheitsverlaufs absterben und das dopaminerge System weitgehend intakt bleibt. Dadurch nimmt der hemmende Effekt der GABAergen Faserverbindungen auf die dopaminergen Neuronen ab. Somit wäre die Hyperaktivität des dopaminergen Systems für die charakteristischen Bewegungsstörungen verantwortlich, was einer Situation entspräche, die derjenigen bei Patienten mit Parkinsonscher Krankheit komplementär ist. Zwei weitere Befunde stützen die "Dopamin-Hypothese": Die postume biochemische Analyse des Gehirngewebes von Chorea-Patienten zeigt eine signifikante Zunahme des Dopamingehalts (Dopamin) im Vergleich zu Gesunden. Außerdem gehören die bei Chorea Huntington wirksamsten Pharmaka, die Neuroleptika, zu den Dopaminrezeptorblockern (Dopamin-Antagonisten, Dopaminrezeptor). Dopaminagonisten (z. B. Amphetamine) verstärken dagegen die Chorea-Symptome. – Das krankheitsverursachende, sehr große Gen liegt auf dem kurzen Arm von Chromosom 4 (4p16.3) und codiert für ein Huntingtin genanntes hochmolekulares Protein (350 kD) von noch ungeklärter Funktion, das auch außerhalb des Nervensystems exprimiert wird. Das Huntingtin-Gen enthält einen sog. triplet repeat, einen Abschnitt, der nur aus Wiederholungen des Trinucleotids CAG besteht. In gesunden Personen finden sich 5 bis 34, bei Kranken 38 bis über 100 Wiederholungen, die im Protein zu entsprechend langen Poly-Glutamin-Sequenzen führen. Je höher die Anzahl der Wiederholungen, desto früher setzt in der Regel die Krankheit ein. Man nimmt an, daß Huntingtin mit der längeren Glutaminsequenz toxisch auf die betroffenen Nervenzellen wirkt – möglicherweise, indem es über die Glutamine an ein Neuronen-Subtyp-spezifisches Protein bindet.

Nach neueren Forschungen (1999) scheint das Enzym Transglutaminase (TGase) eine bedeutende Rolle bei der Anhäufung des Huntingtins im Gehirn zu spielen: bei Chorea-Patienten fand sich eine deutlich erhöhte TGase-Aktivität in den Hirnbereichen, in denen das Huntingtin vorkommt. Ob sich mittels einer Hemmung der TGase-Aktivität im Gehirn Perspektiven zur Therapie ergeben, bleibt in weiteren Forschungen zu klären. D.F./R.B.I./M.B.





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