Lexikon der Biologie



Cortisol



Cortisol wird vielfach in der Therapie eingesetzt, z. B. zur Substitutionstherapie bei der Addisonschen Krankheit (bei gleichzeitiger Gabe eines Mineralocorticoids, z. B. Fludrocortison) und beim adrenogenitalen Syndrom. Daneben findet es aber auch Anwendung bei Hauterkrankungen, rheumatischen Erkrankungen, allergischen Reaktionen, Blut-, Leber-, Lungen- und Nierenkrankheiten, gastrointestinalen Erkrankungen (z. B. Crohnsche Krankheit), Erkrankungen des Nervensystems, schweren Schockzuständen und Transplantationen. Obwohl Cortisol in diesen Fällen durch die Unterdrückung von im mesenchymalen Gewebe ablaufenden Prozessen nur symptomatisch und nicht kausal wirkt, werden oft zufriedenstellende Behandlungserfolge erreicht.

Die empirische Relevanz von Cortisolanstiegen im Verlauf von Mutter-Kind-Trennungen bei aktiviertem Bindungsverhaltenssystem (Bindungsverhalten) ist bei nicht-menschlichen Primaten wie beim Menschen vielfach belegt. Die Säuglings- und Kleinkindforschung nützt die Chance der non-invasiven Möglichkeit, Cortisolmessungen mit Hilfe von hochsensitiven Radioimmunassays aus Speichelproben durchzuführen. In einer Streßsituation, wie der Trennung, kann der Organismus verschieden reagieren: mit einer Verhaltensreaktion, mit einer physiologischen Reaktion oder auch mit einer simultan zum Verhalten ablaufenden physiologischen Aktivierung zur Unterstützung des Verhaltensablaufs. Hat die Verhaltensebene aufgrund fehlender Erfahrungen im Bindungs- und Interaktionsbereich keine angemessene Verhaltens-Strategie zur Verfügung, kann es zu einer physiologischen Reaktion kommen. In bindungsrelevanten Situationen werden neben dem Bindungsverhaltenssystem auch physiologische Systeme aktiviert. In Abhängigkeit von seiner Bindungsqualität (seine Bindungsverhaltensorganisation gegenüber einer Bezugsperson, erfaßt in Trennungs- und Wiedervereinigungssituationen, wie z. B. Fremde-Situation-Test) kann ein Kind bei der Wiedervereinigung sehr unterschiedliche Verhaltensstrategien zeigen. Während bei allen Kindern beim Weggang der Bezugsperson eine Aktivierung des Bindungsverhaltenssystems erfolgt, z. B. nachgewiesen durch eine erhöhte Herztätigkeit, ist nur bei den unsicher gebundenen Kindern eine gesteigerte Nebennierenaktivität (Erhöhung des Cortisolspiegels) festzustellen. Während die sicher gebundenen Kinder bei der Wiedervereinigung nach der Trennung und dem damit einhergehenden Kummer ihr Bedürfnis nach Nähe zweifelsfrei durch Kontaktsuche ausdrücken, sich also emotional reorganisieren können, stehen den unsicher gebundenen aus Angst vor Zurückweisung keine angemessenen Verhaltensstrategien zur Bewältigung zur Verfügung. Sie müssen auf eine physiologische Ausgleichsreaktion zurückgreifen. S.Kl./G.H.-S.





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