Lexikon der Biologie

Eltern-Kind-Konflikt



Der Hauptkonflikt besteht im Hinblick auf die Menge des elterlichen Pflegeaufwands (elterlicher Aufwand). Aufgrund genegoistischer Interessen (egoistische Gene) ist das Jungtier erst zu einem späteren Zeitpunkt in seinem Leben bereit, auf Pflege zu verzichten, als dieser von den Eltern festgesetzt wird (Absetzen, Abstillen, Entwöhnungskonflikt). Nämlich dann, wenn die Kosten (an indirekter Fitneß) infolge der Verhinderung der Geburt eines Geschwisterkindes doppelt so hoch werden wie der Nutzen (an direkter Fitneß) dadurch, daß es ohne Geschwister mehr elterliche Pflege erhält. Wenn es dann weiterhin die Produktion eines Geschwisters verhindert, schadet es seiner indirekten Fitneß mehr, als es seiner direkten Fitneß nützt, und verringert somit seine Gesamtfitneß. Nach R.L. Trivers sind die Eltern wiederum darauf selektiert, den Nutzen der Nachkommenpflege nicht kleiner als die Kosten werden zu lassen (Kosten-Nutzen-Analyse). Wenn ein einzelnes Jungtier mehr Pflege verlangt, als es zum späteren Erreichen der Fortpflanzungsfähigkeit benötigt, entsteht für die Eltern ein Fitneßverlust, wenn sie diesen Zeitpunkt verpassen und nicht in neue, weitere Nachkommen investieren (Elterninvestment). Blurton Jones und Da Costa interpretieren das nächtliche Aufwecken (nightwaking) der Eltern durch deren 1- bis 3jährige Kleinkinder als Ausdruck des Entwöhnungskonflikts beim Menschen. Das nächtliche Aufwachen (Aufwachrhythmus) führe zu verlängertem und regelmäßigerem Stillen, dies wiederum verzögere aufgrund der ovulationshemmenden Wirkung des Prolactins eine erneute Konzeption der Mutter, was wiederum zu einem Fitneßvorteil des Kindes führt, weil sich der Zwischengeburtsabstand dadurch erhöht. Ein zweiter Anlaß für einen Eltern-Kind-Konflikt liegt im Umfang des Investments. So ist es für ein stillendes Säugerweibchen effizienter, weniger Milch abzugeben, als es für das Jungtier optimal wäre. Eine dritte Kategorie beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Auffassungen über angebrachte Verhaltenstendenzen, speziell dem innerfamiliären Altruismus. Eltern verlangen aus Fitneßgründen schon dann von ihren Nachkommen altruistisches Verhalten, wenn der Nutzen die Kosten übersteigt; für die Kinder ist dies erst von Vorteil, wenn der Nutzen eines Verhaltens das Doppelte der Kosten übersteigt. Eltern-Kind-Konflikte sind letztendlich auch immer tatsächliche oder fiktive Geschwisterkonflikte, in denen Jungtiere mit bereits geborenen oder kommenden Geschwistern um das Elterninvestment konkurrieren. Es gibt jedoch auch Geschwisterkonflikte, die nicht automatisch auch einen Eltern-Kind-Konflikt bedeuten (Kainismus).J.Be.

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