Lexikon der Biologie

Gedächtnis



Anfang der 1950er Jahre war noch vollkommen unbekannt, auf welche Weise das Gehirn Information speichern und Gedächtnis bilden kann. In Anlehnung an die Erkenntnis, daß sowohl das genetische als auch das immunologische Gedächtnis in den Nucleinsäuren codiert ist, wurde nun nach biochemischen Grundlagen des Gedächtnisses gesucht. Bei Versuchen mit Planarien (Dugesia) wurden Tiere auf bestimmte Verhaltensweisen trainiert, anschließend zerkleinert und nicht trainierten Artgenossen zu fressen gegeben. Diese sollten dann das von ihren Artgenossen Erlernte ebenfalls beherrschen. Ein Gedächtnistransfer ist auf diese Art jedoch nicht möglich, da in Molekülen gespeicherte Informationen – bei Dugesia sollten es sog. Gedächtnisproteine sein – immer an die Molekülstruktur und bei Proteinen auch an die Aminosäuresequenz gebunden sind. Während der Passage durch den Magen-Darm-Trakt (Darm) werden jedoch alle Makromoleküle bis zu ihren Einzelbausteinen abgebaut (Verdauung), da sie sonst nicht das Darmepithel passieren und vom Organismus aufgenommen werden können. Überzeugende und reproduzierbare Ergebnisse konnten deshalb nicht erzielt werden. In den 1960er Jahren wurde aus den Gehirnen von Ratten, die mit Elektroschocks darauf trainiert wurden, sich entgegen ihrer Vorliebe für Dunkelheit im Hellen aufzuhalten, ein 6–10 Aminosäuren langes Peptid isoliert, das von seinem Entdecker Georges Ungar (1906–1978) Scotophobin genannt wurde. Die Injektion dieses Peptids in das Peritoneum (Bauchhöhle) untrainierter Mäuse sollte zu einem vermehrten Aufenthalt dieser Tiere im Hellen geführt haben und beweisen, daß spezifische Lerninhalte durch spezifische Moleküle repräsentiert werden und sich sogar zwischen verschiedenen Spezies transportieren lassen. Diese Versuche haben zu ihrer Zeit für großes Aufsehen in der wissenschaftlichen und populären Literatur gesorgt. Keine dieser Behauptungen ließ sich jedoch durch weitere Untersuchungen bestätigen, wodurch die Forschung zur Biochemie des Gedächtnisses ihren Kredit verlor. Heute gibt es solide Hinweise darauf, daß Gedächtnisinhalte in der spezifischen Effektivität der synaptischen Verbindungen und der veränderbaren Vernetzung der Nervenzellen im Gehirn niedergelegt sind. Bei der Ausbildung dieses Netzwerks sind natürlich Makromoleküle beteiligt. Sein besonderes Netzwerkmuster hat das Individuum jedoch durch seine eigene Biographie erworben, und es erscheint heute undenkbar, daß Gedächtnisinhalte „operativ“ von einem Gehirn in ein anderes übertragen werden können.

[Drucken] [Fenster schliessen]