Lexikon der Biologie

Geschwistertötung



Der Siblizid wurde zunächst als „abnormes Verhalten“ erklärt oder damit, daß es sich bei den getöteten Tieren nicht um verwandte Tiere handelte. Er wird aus gen- bzw. individualselektionistischer Sicht als sichtbares Ergebnis des Geschwisterkonflikts und des Eltern-Kind-Konflikts betrachtet. Es wird zwischen obligatem und fakultativem Siblizid unterschieden. Von obligatem Siblizid sprechen Biologen nach einer Definition von R.E. Simmons (1988), wenn mehr als 90% der zuletzt geschlüpften Jungtiere durch das aggressive Verhalten der Geschwister zu Tode kommen. Liegt die Rate unter 90%, handelt es sich um fakultativen Siblizid. Als erforderlicher (obligater) Geschwistermord wird z.B. die Tötung des zweiten Kükens durch das ältere Geschwister bei vielen See- und Greifvögeln angesehen. Das zweite Ei wird nach der sog. insurance-Hypothese nur als Reserve gelegt – für den Fall, daß das erste Ei nicht befruchtet wurde oder daß es zu Entwicklungsfehlern kam. Da die beiden Eier asynchron gelegt werden, hat das ältere der beiden Geschwister einen Entwicklungsvorsprung, der es ihm ermöglicht, das Jüngere so zu traktieren, daß es an den Verletzungen stirbt, oder es verhungert, weil es sich bei der Fütterung nicht durchsetzen konnte. Beim Lachenden Hans oder Jägerliest (Dacelo gigas), einem Verwandten unserer Eisvögel, gibt es bei den Küken eine morphologische Spezialisierung für den Geschwistermord. Am unteren Schnabelteil hat sich ein Haken enwickelt, der beim Einhacken auf das Geschwisterküken verwendet wird. Fakultativer Siblizid tritt im Tierreich häufiger auf und wird nach der „Futtermengen“-Hypothese durch Nahrungsmangel initiiert; er ist z.B. bei Kuh-Reihern und Tüpfel-Hyänen gut untersucht. Daß die Eltern den Geschwistermord nicht zu verhindern suchen (nicht so allerdings bei Wellensittichen, Blaufuß-Tölpeln oder Schwarz-Milanen), kann mehrere Gründe haben (proximate wie ultimate): Die Eltern haben einfach nicht die Möglichkeit, einzugreifen (Hyänenjunge leben ohne die Mutter im Bau, den sie nur zum Säugen verlassen; proximate Gründe); sie haben die Möglichkeit, doch sie tun es nicht, denn die Geschwistertötung kann in ihrem Interesse sein, wenn dadurch 1) diejenigen getötet werden, deren Überleben bis zur Geschlechtsreife eher unwahrscheinlich ist, und somit den Eltern in eher schlechten Zeiten Aufwand erspart bleibt, sich aber in besseren Zeiten die Fähigkeit, mehrere Nachkommen zu zeugen, auszahlen kann, und 2) darüber hinaus den Eltern der eingesparte elterliche Aufwand ihrem Elterninvestment zukünftiger Nachkommen zugute kommen könnte (ultimate Gründe). Bei Vogeleltern wird die Geschwisterrivalität durch das asynchrone Legen der Eier sogar „unterstützt“. Dabei konnte bei Kuhreihern gezeigt werden, daß der Legerhythmus so eingestellt ist, daß die Eltern mit minimalen Fütterungskosten die größte Zahl überlebender Jungen produzieren (im Vergleich zu synchronen und übermäßig asynchronen Bruten; experimentelle Untersuchung). Ein gehäuftes Auftreten von gleichgeschlechtlichem Siblizid (z.B. bei Tüpfelhyänen) wird durch hinzugewonnene Fitness-Vorteile durch den Verlust eines Paarungskonkurrenten für den Überlebenden erklärt, konnte aber noch nicht nachgewiesen werden.M.A.

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