Lexikon der Biologie

Handlungskette



Auch Handlungsverläufe beim Menschen zeigen keine völlige Beliebigkeit in der Abfolge der einzelnen Verhaltensweisen. Dies wird z.B. bei der „Grammatik“ der menschlichen Mimik deutlich. Der mimische Ausdruck eines Senders erlaubt nur eine beschränkte Anzahl an mimischen Reaktionen eines Empfängers. „Regelverletzungen“ gegen diese Grammatik gibt es z.B. bei „affektinadäquaten“ Reaktionen im Rahmen von Schizophrenien. Andere Beispiele für Handlungsketten finden sich bei den Phasen des Werbeverhaltens. Handlungsketten lassen sich nach Cranach in Teilakte (Handlungsschritte) zerlegen, die einen Start und einen Endpunkt, das sog. Handlungsziel, besitzen. Jeder Akt besteht aus einer Reihe von komplizierten funktionellen Bewegungseinheiten. Die Einheiten auf der höheren Ebene umfassen mehrere auf der niederen Ebene. Mit absteigendem Niveau schränken sich die Handlungsmöglichkeiten ein. Manche Handlungsschritte sind starr aneinander gekoppelt, andere besitzen mehr Variabilität. Menschliches Verhalten kann als Wegenetz beschrieben werden, das zu einem bestimmten Ziel führt. Mehrere Wege können zu einem Handlungsziel führen. In den Wegenetzen gibt es Kreuzungspunkte, an denen die Person zwischen Handlungsalternativen wählen kann. Bevorzugte Folgen von Handlungsschritten werden als Strategien bezeichnet. Handlungen beziehen sich beim Menschen nach Cranach auf jenes „menschliche Tun“, das durch Zielorientierung, Bewußtsein, Planung und Absicht charakterisiert wird. Einer Strategie muß nach Ansicht anderer Autoren jedoch nicht unbedingt bewußtes Wissen zugrunde liegen. So können z.B. verhaltensauffällige Kinder eine unbewußte Strategie einschlagen, um angestrebte, aber entbehrte Zuwendung zu erhalten und damit zum Ziel zu kommen (Bezugsperson, Enuresis). Dabei zeigt sich eine typische Handlungskette, die mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Verhaltensziel vorangeht. Effektive Strategien im Sozialkontakt enthalten mehr Handlungsschritte, bauen sich langsamer auf und enthalten keine ultimativen Schritte, die den Sozialpartner zu einer sofortigen Entscheidung zwingen. So besteht eine effektive Strategie, um mit einem Peer ins Spiel zu kommen – eine Hauptaufgabe bei der Entwicklung kindlicher Sozialkompetenz – in der Sequenz folgender Handlungsschritte: Annäherung an die Zielperson → Anschauen → Verbalisierung ohne direkte Ansprache → weitere Annäherung → variierte Nachahmung des anvisierten Mitspielers. Um herauszufinden, ob Verhaltenselemente überzufällig häufig aufeinanderfolgen und somit einen Zusammenhang aufweisen, kann man sich der sog. Sequenzanalyse bedienen.J.Be.

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