Lexikon der Biologie

Hunger



Appetit (spezifischer Hunger): Teil des Hungergefühls und/oder angeborene oder erworbene individuelle Bevorzugung bestimmter Speisen, wobei letzteres stark von der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kulturkreis und den dort verfügbaren bzw. tradierten Nahrungsmitteln abhängt. – Ähnlich, wie beim Menschen Appetit auf eine bestimmte Kost aufkommen kann, findet sich im Tierreich zu bestimmten Zeiten ein spezifischer Hunger nach Nährsubstanzen, die ins Defizit geraten sind. Viele Insekten nehmen gezielt Protein auf, um zu Vitellogenese und Eiablage zu gelangen, Säugetiere entwickeln nach körperlicher Anstrengung, verbunden mit Schwitzen, einen spezifischen Hunger nach Kohlenhydraten und Salz. Auch für Calcium und Vitamine, wie Thiamin, ist in Mangelsituationen ein spezifischer Hunger nach diesen Substanzen nachgewiesen worden. Die physiologischen Mechanismen für spezifischen Hunger sind heute noch nahezu unbekannt.

Spezialhunger, Heißhunger: spontan auftretende, gezielt fordernde Eßgelüste. Manche Heißhungeranfälle werden nicht mehr als anormales Verlangen oder undiszipliniertes Eßverhalten verstanden, sondern als gesteigerte Appetenz nach unzureichend vorliegenden Nährstoffen, die der Körper zur Regulierung und Revitalisierung seiner Stoffwechselprozesse („Schwangerschaftsgelüste“ oder Spezialhunger) oder zur Verbesserung seines Befindens braucht (unstillbarer Hunger kann auch eine Medikamentennebenwirkung sein: z.B. bei manchen Antidepressiva, einigen Neuroleptika, Lithium, manchen Antiepileptika). Da es extrem Übergewichtige weltweit betrachtet vor allem im „Weizengürtel“ gibt, wird vermutet, daß Brotprodukte (aber auch Schokolade, im Gegensatz zu Zuckerrohr, Reis, Yams, Taro, [Süß-]Kartoffel, Mais usw.) das Hungergefühl verlängern, verstärken oder nicht rechtzeitig abschalten. Ein starker Abfall von Serotonin bewirkt z.B. einen Heißhungeranfall („Appetit“) auf schnell verwertbare Kohlenhydrate (fun food) zur Hebung des Wohlbefindens (vergleichbar erhöht Bewegung den Serotoninspiegel). Stoffwechselbedürfnisse nach Energielieferanten und Stimmungsmachern getrennt über die Signale „Hunger“ und „Appetit“ zu regeln, wird als biologisches Notfallprogramm verstanden.G.-H.S.

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