Lexikon der Biologie

Kärpflinge



Die formenreichste Familie bilden die Eierlegenden Zahnkärpflinge oder Killifische (Cyprinodontidae) mit ca. 450 Arten in 29 Gattungen, die außer in Australien in allen Erdteilen vorkommen. Ihre Eier werden nach dem Ablaichen im Wasser besamt; viele sind an ihrem abgeplatteten Kopf und steilstehenden Maul als Oberflächenfische erkennbar; sie sind sehr anpassungsfähig; so können mehrere als Saisonfische bezeichnete Arten der afrikanischen Prachtkärpflinge (Aphyosemion) undPrachtgrundkärpflinge (Nothobranchius) sowie der südamerikanische, 8 cm lange Fächerkärpfling (Cynolebias belloti) in nur vorübergehend nach der Regenzeit auftretenden Tümpeln leben; beim Austrocknen sterben sie ab, nur ihr Laich überdauert im Boden die Trockenzeit, indem die von festen Eihüllen umgebenen Embryonen mehrere Ruhestadien (Diapause) einlegen. Mehrere Arten der rings um das Mittelmeer und in Küstennähe der arabischen Halbinsel vorkommenden Orientkärpflinge (Aphanius) unddie nordamerikanischen Kärpflinge der Gattung Cyprinodon besiedeln brackige und salzige Binnenseen, z.B. der südosteuropäische Zebrakärpfling oder Salinenkärpfling (Aphanius fasciatus), dessen Männchen leuchtend gelbe Flossen hat; Bachlinge (Rivulus) können das Wasser zeitweilig verlassen. Größte Art ist der bis 30 cm lange südamerikanische Fächerkärpfling (Cynolebias holmbergi). Häufig in Aquarien gehalten werden u.a. viele Prachtkärpflinge, der bis 7 cm lange, mittelafrikanische Prachtgrundkärpfling (Nothobranchius guentheri) mit leuchtend rotem Schwanz, der etwa 6 cm lange Edelsteinkärpfling (Cyprinodon variegatus) aus brackigen Sümpfen der nordamerikanischen Ostküste, dessen Männchen zur Laichzeit von stahlblau bis lachsrosa gefärbt ist, und Hechtlinge (Epiplatys). Neuerdings wird ein Großteil der Gattungen mit über 300 Arten von der Familie Cyprinodontidae abgetrennt und in einer eigenen Familie Aplocheilidae zusammengefaßt. Von den oben erwähnten Gattungen gehören (neben 7 weiteren) nur noch die Gattungen Aphanius und Cyprinodon zur Familie Eierlegende Zahnkärpflinge; in diese sind dagegen die 43 Arten der Gattung Hochlandkärpflinge (Orestias) aus den südamerikanischen Anden eingeordnet worden, die früher die Familie Orestiidae bildeten. Allein 19 Arten dieser Hochlandkärpflinge leben (bzw. lebten) endemisch im 3803 m hoch gelegenen Titicaca-See, wo sie verschiedene ökologische Nischen ausnutzen; durch ausgesetzte Salmoniden (Lachse) ist ihr Bestand aber gefährdet; so konnte z.B. der hechtähnliche, bis 30 cm lange Raubkärpfling (Orestias cuvieri) seit 1960 nicht mehr nachgewiesen werden.

Zur 2. Hauptfamilie Lebendgebärende Zahnkärpflinge (Poeciliidae) mit 30 Gattungen und ca. 290 Arten gehören ebenfalls zahlreiche sehr bekannte Aquarienfische. Die Weibchen bringen nach innerer Besamung durch die oft prächtig gefärbten, in der Regel etwas kleineren, meist mit einem besonderen Begattungsorgan aus umgebildeten Afterflossenstrahlen (Gonopodium) ausgerüsteten Männchen lebende Junge durch Ovoviviparie zur Welt; eine Paarung reicht bei vielen Arten durch Speicherung der Spermien für mehrere Geburten. Arten meist klein und mit aufwärts gerichteter Mundspalte; besiedeln gewöhnlich in Schwärmen von den südlichen USA bis Argentinien und in Afrika (einschließlich Madagaskar) viele Lebensräume, von salzhaltigen Küstensümpfen über Urwaldgebiete bis zu Gebirgsbächen; fressen Pflanzen und Kleintiere; zur Bekämpfung von Mückenlarven und durch Aussetzen von Aquarienfischen sind mehrere Arten heute weltweit verbreitet. Wichtige Gattungen sind: die Lebendgebärer i.e.S. (Poecilia) mit dem Guppy, dem bis 15 cm langen, vorwiegend blaugrün gefärbten, mittelamerikanischen Segelkärpfling (Poecilia velifera), dem bis 12 cm langen, dunkelbläulichen oder schwarzen Breitflossenkärpfling (Poecilia latipinna) aus den südlichen USA und mit der Amazonen-Molly; die in Mexiko und Mittelamerika heimischen Schwertkärpflinge (Xiphophorus; Aquarienfische I) mit Schwertträger und Platy; die räuberischen Hechtkärpflinge (Belonesox) mit dem größten Lebendgebärer, dem bis 20 cm langen, mittelamerikanischen, hechtähnlichen Hechtkärpfling (Belonesox belizanus); die Gambusen (Gambusia) aus dem östlichen mittelamerikanischen Raum mit dem 6 cm langen, oft als Moskitofisch bezeichneten Texaskärpfling oder Koboldkärpfling (Gambusia affinis), der u.a. in Südeuropa als Mückenlarvenverzehrer zur Malariabekämpfung eingeführt worden ist und hier zum Teil einheimische Fischarten verdrängt; eine sehr kleine Art ist der als Männchen nur 2 cm lange Zwergkärpfling (Heterandria formosa) aus Florida; beim bis 3,5 cm langen, trächtigen Weibchen wachsen gleichzeitig unterschiedlich weit entwickelte Keimlinge heran (Superfetation); das Weibchen des im nordöstlichen Südamerika heimischen Eierkärpflings (Tomeurus gracilis) bringt nach innerer Besamung keine lebenden Jungen zur Welt, sondern legt jeweils ein Ei mit fast schlüpfreifem Keimling ab. – Zur Familie Poeciliidae werden nach neuerer Systematik auch 7 in Afrika heimische Gattungen mit ca. 100 Arten gezählt, obgleich sie Eier legen, die im Wasser besamt werden, weshalb sie früher der Familie Cyprinodontidae zugeordnet waren. Hierzu gehören der nur 2 cm lange Kolibrikärpfling (Aplocheilichthys myersi) aus pflanzenreichen Gewässern des Kongogebiets und das bis 4 cm lange Tanganjika-Leuchtauge (Lamprichthys tanganicanus).

Weitere wichtige Familien sind: die Vieraugen; die eierlegenden Spitzelritzen oder Funduliden (Fundulidae) mit 5 Gattungen und 48 Arten, 4–20 cm lang, meist in pflanzenreichen Süßgewässern von Südostkanada bis Mittelamerika, dringen oft in brackige Küstenzonen vor; z.B. der bis 12 cm lange Zebrafundulus oder Blaubandkärpfling (Fundulus heteroclitus), der als Laborfisch sogar Weltraumerfahrung (Gravitationsbiologie) hat; und die Zwischenkärpflinge (Goodeidae) mit 19 Gattungen und 40 Arten aus Süßgewässern vor allem des mexikanischen Hochlands, meist 5–10 cm lang, vorwiegend lebendgebärend. – Die beiden Familien Indische Glaskärpflinge (Horaichthyidae) mit der einzigen, erst im Jahre 1940 entdeckten, 2 cm langen, glasig-durchsichtigen, südwestindischen Art Horaichthys setnai, und die seitlich abgeflachten südostasiatischen Reiskärpflinge (Oryziatidae) mit 1 Gattung und 13 Arten, bei denen die Weibchen anfangs die abgelegten Eier als Traube mitführen, wurden in letzter Zeit von den Zahnkärpflingen abgetrennt und der Ordnung Flugfischverwandte angeschlossen. Vom 4 cm langen Japankärpfling oder Reisfisch (Oryzias latipes) der japanischen Reisfelder sind viele Formen gezüchtet worden, er ist häufiges Versuchstier für genetische Untersuchungen.T.J.

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