Lexikon der Biologie

Krebs



4: Leben mit Krebs – psychische Bewältigung



Die psychische Wirkung der Diagnose „Krebs“ rückt heute zunehmend in den Blickpunkt. Allein das Wort löst Angstgefühle – vor Schmerzen und Tod, aber auch vor der Unfähigkeit, den geliebten Angehörigen vor diesem Schicksal zu bewahren – aus. Die Patienten leiden unter Schlaflosigkeit, Konzentrationsmangel, Appetitlosigkeit, Antriebsschwäche oder gar Lebensmüdigkeit. Obwohl die Krebserkrankung und ihre Behandlung als Gesprächsthemen in der Gesellschaft nicht mehr tabuisiert sind, scheuen sich immer noch viele Ärzte, ihren Patienten, im Falle der Diagnose von unheilbaren Erkrankungen, die volle Wahrheit zu sagen. Weil die Patienten der Wirklichkeit häufig nicht ins Gesicht blicken wollen, klären die Ärzte sie nicht richtig auf, was zum Teil zu „medizinischem Aktionismus“ führt. Das Schweigen der Patienten wird als Wunsch, nicht mehr wissen zu wollen, interpretiert. Daß dieses Verhalten in vielen Fällen nicht richtig ist, zeigen neuere Studien. Bei diesen entschieden sich eine Reihe von Patienten, die an unheilbarem Lungenkrebs litten, gegen eine Chemotherapie. Sie nutzten aktiv die ihnen verbleibende Zeit, neue Lebensziele zu definieren und Angelegenheiten für ihre Nachwelt zu organisieren. Es ist die schwere Aufgabe des Arztes, mit dem Patienten gemeinsam den für ihn richtigen Weg zu finden und den Prozeß der Bewußtwerdung möglicherweise zu fördern. Die Betroffenen reagieren zunächst mit Schock und Unglaube, darauf folgt meist eine Phase von akuter Seelenqual und Verzweiflung bis hin zu Depressionen. Im günstigen Fall lernt der Patient, mit der Belastung zu leben, und befaßt sich mit den Möglichkeiten der Behandlung; andere Patienten aber geraten in eine schwere Krise. Viele Menschen benötigen in dieser Phase professionelle Hilfe. Psychotherapie, Selbsthilfegruppen, möglicherweise auch die Gabe von Antidepressiva können hier helfen. – Der Einfluß der Psyche auf die Gesundheit wird lebhaft diskutiert: umfangreiche Studien konnten bisher keinen direkten Beleg dafür finden, daß emotionale Faktoren, wie Trauer aufgrund eines traumatischen Ereignisses oder eine pessimistische, ängstliche Grundeinstellung, zu Krebs führen oder den Verlauf beschleunigen können, andererseits verringern Depressionen und andere emotionale Störungen zweifellos die Lebensqualität. Psychologische Interventionen sowie die seelische Unterstützung durch Familie und Freunde haben durchaus einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden, womit möglicherweise auch lebensverlängernde Begleiteffekte verbunden sind, wie z.B. die Erleichterung des genauen Einhaltens eines Behandlungsplans oder einer Ernährungsumstellung.

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