Lexikon der Biologie

Lernen



4: Kognitives Lernen (Einsichtslernen, Lernen durch Einsicht).


Kognitives Lernen ist ein Sammelbegriff für Lernvorgänge, die nicht nur auf der klassischen Konditionierung, dem instrumentellen Lernen und Nachahmungslernen basieren sowie von Motivation und Situation abhängen, sondern auch kognitive Komponenten enthalten. Dies überschreitet den eingeschränkten Gültigkeitsbereich des Behaviorismus. So können z.B. Schimpansen Kisten aufeinanderstapeln oder Stöcke zusammenstecken, um an eine anderweitig nicht erreichbare Banane zu gelangen, gedanklich Labyrinth-Aufgaben lösen oder eine Kette mehrerer sich gegenseitig ausschließender Wahlentscheidungen treffen, um zu einem Ziel zu gelangen. Charakteristisch für ein solches einsichtiges Lernen ist eine zielgerichtete Neukombination von Verhaltenselementen ohne vorherige Erfahrung. Je nachdem, wie explizit die Intentionen sind, kann hier bereits von Aktion gesprochen werden. – Sprachliches Lernen ist ein zentraler Bereich des kognitiven Lernens. Dazu gehört Wissen über Fertigkeiten (prozedurales Wissen), die mit zunehmender Übung immer weniger bewußt ablaufen (Automatisierung), z.B. multiplizieren zu können, aber hauptsächlich Wissen über Sachverhalte (deklaratives Wissen). Da Begriffe als wesentliche Bausteine des Wissens gelten, sind die Grenzen zwischen Begriffsbildung und Wissenserwerb fließend. Wissen besteht u.a. aus der Kombination von Begriffen sowie im Regellernen durch das Erfassen der Beziehung zwischen einzelnen Begriffen (z.B. „runde Dinge können rollen“). Dazu gehören auch kognitive Leistungen wie Transfer, Induktion und Deduktion (Deduktion und Induktion, induktive Methodik). Zu unterscheiden ist zwischen Eigenschaftsbegriffen (Kategorien, Klassen), die über die Kombination kritischer, d.h. bedeutsamer Attribute oder über „ideale Vertreter“ (Prototypen) subjektiv oder über Konventionen identifiziert werden, und Erklärungsbegriffen (Erklärung), die außer einer Kategorie noch eine Theorie im weitesten Sinn enthalten. Beispielsweise beschreibt „totale Mondfinsternis“ als Eigenschaftsbegriff das Phänomen, während beim gleichnamigen Erklärungsbegriff im Hintergrund steht, daß der Mond sich durch den Kernschatten der Erde bewegt, die zwischen Mond und Sonne steht.

Durch Mehrfachcodierung und spezielle Lerntechniken kann der Lernerfolg gesteigert werden. Experimente mit Höheren Wirbeltieren zeigten, daß sich diese beim Lernen, ähnlich wie der Mensch, nicht jedes einzelne Detail der präsentierten Charakteristika merken (Absolutlernen), sondern sich auf wesentliche Merkmale beschränken. Diese können sie selbst dann noch wiedererkennen, wenn nur einzelne markante Komponenten gezeigt werden. Auch Tiere besitzen demnach die Fähigkeit zur Abstraktion (von den Besonderheiten der Einzelfälle), Generalisierung (Verallgemeinerung gemeinsamer Eigenschaften) und Extrapolation (Folgerungen bezogen auf ähnliche Fälle und künftige Situationen). Für solche kognitiven Leistungen sind Begriffe wesentlich. So können z.B. Affen und Tauben Begriffe wie Gleichheit, Ungleichheit und Zahlen erlernen (Zählvermögen) bzw. in Experimenten demonstrieren. Die Begriffe müssen nicht notwendig an Sprache gebunden sein und einen Namen haben; Tieren werden averbale Begriffe zugestanden (Begriffsbildung). Zum kognitiven Lernen gehören auch analoge (bildhafte) und handlungsmäßige Repräsentationen von Wissen, die nicht sprachlich organisiert sind.

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