Lexikon der Biologie

Leukämie



Hauptformen:

1) Die akute myeloische Leukämie (AML) leitet sich von der myeloischen Reihe (von einer entarteten Vorläuferzelle der Granulocyten-, Makrophagen-, Erythrocyten- oder Thrombocytenzellreihe) ab. Meist akuter dramatischer Beginn mit Fieber, Abgeschlagenheit, Blutung und schwerem Krankheitsgefühl; leukämische Infiltrate in der Haut. Die unreifen Vorstufen lassen sich im zirkulierenden Blut als Blasten nachweisen; in manchen Fällen bleiben die Blasten im Knochenmark (aleukämischer Verlauf). Selten im Säuglings- und Kindesalter. Sonderformen können sein: Promyelocytenleukämie, Erythroleukämie, myelomonocytoide Leukämie.

2) Die akute lymphatische Leukämie (ALL) leitet sich meist von T-Lymphoblasten (T-Lymphocyten), selten von B-Zellen (B-Lymphocyten) und Null-Zellen ab; meist im jugendlichen Alter; klinisch ebenfalls durch raschen Verlauf gekennzeichnet. Diese Leukämien können unbehandelt in kurzer Zeit zum Tode führen; Todesursache sind nicht-beherrschbare Infektionen oder akute Blutungen als Folge des Mangels an Thrombocyten und Störungen des Gerinnungssystems (Blutgerinnung). Eine Therapie ist mit Cytostatika-Kombinationen (Cytostatika) möglich, wobei die ALL sich günstiger beeinflussen läßt als die AML, die überwiegend eine Erkrankung des höheren Lebensalters ist. Das Blutbild der Patienten zeigt bei der akuten Leukämie ein Überwiegen von Blasten und nur wenig reife segmentkernige Granulocyten. Wichtigste Differential-Diagnose der akuten Leukämie sind Virusinfekte mit lymphoidzelliger Reaktion wie bei der infektiösen Mononucleose.

3) Die chronisch-myeloische Leukämie (CML) ist eine langsam verlaufende, schleichend beginnende Erkrankung, die lange unerkannt bleiben kann. Symptome sind Vergrößerung von Lymphknoten und Milz sowie als Folge davon Bauchschmerzen und Völlegefühl; allgemeines Krankheitsgefühl mit reduzierter Leistungsfähigkeit. Nach mehreren Jahren kommt es zu einer Überschwemmung des Körpers mit Blutzellen; das Blutbild weist extrem hohe Leukocytenzahlen (bis zu mehreren 100.000/mm3) auf, wobei alle unreifen leukocytären Vorstufen im zirkulierenden Blut nachweisbar sind; die Krankheit endet meist tödlich. Therapie mit Cytostatika und Interferon α. In den meisten Fällen findet man ein Erbgutmolekül, das Philadelphia-Chromosom, das durch den Tausch zweier Chromosomenarme entsteht. Hierdurch entsteht ein bcr-abl-Fusionsgen, das für eine Tyrosin-Kinase codiert. Dieses Enzym ist als Signalmolekül an der Regulation des Zellwachstums beteiligt und verursacht die ungehinderte Vermehrung der weißen Blutkörperchen. Ein potenter Enzym-Hemmstoff (STI 571) ist derzeit in der Erprobungsphase. Generell ist die Prognose bei bcr-abl-positiven Erkrankungen günstiger als bei bcr-abl-negativen. Wenn ein HLA-kompatibler Spender (HLA-System) vorhanden ist, kann durch eine Knochenmark-Transplantation bei der AML, ALL und CML eine Heilung erzielt werden. Neue Studien zielen darauf ab, die bei der CML im Anfangsstadium noch vorhandenen gesunden Stammzellen zu gewinnen und zu vermehren, um sie nach einer Chemotherapie dem Patienten (Autotransplantation) zu transplantieren. Weitere Neuentwicklungen auf dem Gebiet der Transplantation sind derzeit in Erprobung, so z.B. die Übertragung einer großen Transplantatmenge, die vorher von T-Lymphocyten befreit wurde, oder auch die schonende sog. „Mini-Transplantation“, bei der nach einer nur leichten Bestrahlung oder Behandlung mit einer geringen Menge Cytostatikum Stammzellen transplantiert werden, die im Patienten mit den körpereigenen Zellen eine Coexistenz mit immunologischer Toleranz (Immuntoleranz) eingehen. Die zusätzliche Infusion von Spender-Lymphocyten, die verbleibende Krebszellen (Krebs) vernichten, wird anscheinend vom Körper toleriert und beugt Leukämie-Rückfällen vor.

4) Die chronisch-lymphatische Leukämie (CLL) stellt nach moderner Einteilung keine Leukämie i.e.S. dar, sondern ist ein malignes Lymphom (Krebs) von niedrigem Malignitätsgrad, in dessen Verlauf maligne Zellen in die Blutbahn ausgeschwemmt werden. Symptome sind: Lymphknoten- und Milzvergrößerung, extreme Erhöhung der Leukocytenzahl, wobei überwiegend Lymphocyten auftreten; chronischer, gutartiger Verlauf. Therapie durch Bestrahlung und Cytostatika.

Die Einteilung in die 4 Hauptformen der Leukämie kann heute mittels gentechnischer Methoden (Gentechnologie) weiter differenziert werden: die Untersuchung genetischer Veränderungen in Tumorzellen hat gezeigt, daß zunächst einheitlich erscheinende Leukämieformen nach ihrem genetischen Muster in unterschiedliche Gruppen aufgeteilt werden können, die sich hinsichtlich des klinischen Verlaufs, der Therapie und der Überlebensprognose unterscheiden. Mit verfeinerten Nachweismethoden, bei denen mit Gensonden, die für jeden Patienten nach dem Genmuster der jeweiligen Krebszellen maßgeschneidert werden, 1 Krebszelle unter 1 Million gesunder Blutzellen zu finden ist, läßt sich die Chemotherapie besser an den Einzelfall anpassen.H.N./Ch.J./S.Kl.

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