Lexikon der Biologie

Nachahmung



Die Fähigkeit, an einem Vorbild wahrgenommene Verhaltensäußerungen im eigenen Verhalten zu kopieren, das primäre Imitieren, setzt z.B. im Bereich einer Bewegungsimitation die Existenz von Projektionsbahnen von der Sensorik zur Motorik voraus, kann jedoch, abweichend vom Imitationslernen, auch ohne Informationsspeicherung ablaufen. Bewußte Imitation wie auch unbewußte Verhaltens-Synchronisation (Verhaltensspiegelung) dienen im Sozialverband zur Demonstration von Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit. –

Bei Nachahmung entsteht nach artspezifisch und individuell unterschiedlich vielen Beobachtungsdurchläufen einer Handlung im Gehirn eines nachahmungsbegabten Lebewesens ein inneres Modell, das nun in seinem Verhalten verwirklicht wird. Bei Nachahmung ist vor allem dann Einsicht in die Handlung (Aktion) notwendig, wenn Willkür-Bewegungen an der Handlung beteiligt sind. Eine kognitiv relativ hohe Entwicklungsstufe ist erreicht, denn die Voraussetzungen für dieses innere Modell sind die Selbstexploration (zum Teil Übertragung des Körperschemas des Artgenossen auf sich selbst) und Handeln im Anschauungsraum oder zielorientierte Planhandlungen – Leistungen, die bei Schimpansen und Orang-Utans beobachtet wurden. Zur Nachahmung von Bewegungen, bei denen keine Objekte manipuliert (Manipulation) werden, sind ansatzweise Schimpansen und Delphine fähig (z.B. die Zeichensprache von Schimpansen unter Laborbedingungen; Begriffsbildung).

Vom Nachahmen von Verhaltensweisen (engl.: behaviour copying, imitation) werden die imitierende Ortswahl (engl.: area copying, auch local enhancement) und die imitierende Objektwahl (engl.: object copying, stimulus enhancement oder releaser induced recognition) als Formen des sozialen Lernens (engl.: social learning) unterschieden. Imitierende Ortswahl liegt immer dann vor, wenn Organismen einen Ort für ein bestimmtes Verhalten wählen, an dem bereits andere Organismen aktiv sind (z.B. Futterplatz, Schlafplatz und ähnliches); bekannt von Vögeln, sozialen Spinnen und Säugern. Bei der imitierenden Objektwahl richtet der Organismus das Verhalten ortsunabhängig auf ein Objekt oder Lebewesen, nachdem er andere beobachtet hat, die ihr Verhalten auf ein entsprechendes oder dasselbe Objekt richteten; beschrieben für die Wahl (oder Vermeidung) von Futter (Vögel: u.a. bei Tauben, Rotstärling, Grünfink; Säuger: Wanderratte und Tüpfelhyäne) und das Erlernen von Räubern und Feinden (bei Vögeln und Affen). Neueste Forschungen zeigen, daß sie auch bei der Partnerwahl eine Rolle spielen kann. Danach entscheiden sich Weibchen einiger Tierarten (z.B. bei der Japanischen Wachtel) im Experiment erst für bestimmte Männchen, nachdem sie diese Männchen vorher bei der Paarung mit anderen Weibchen beobachtet hatten.

Die Fähigkeit zur Nachahmung, vor allem das Imitieren von Verhaltensweisen, wird als entscheidende Voraussetzung für Traditionsbildung (Tradition) und letztlich die kulturelle Evolution beim Menschen, aber auch bei Tieren betrachtet.

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