Lexikon der Biologie

Polarregion



Ein für unsere Erde völlig neuartiger und bis heute noch vollkommen unerforschter Lebensraum wurde erst in den 1970er Jahren im Zuge seismischer Vermessungen der Ostantarktis überhaupt entdeckt und in den 90er Jahren soweit vermessen, daß sich sein Gesamtumfang ungefähr abschätzen läßt. Dabei handelt es sich um Süßwasserblasen riesigen Ausmaßes zwischen der etwa 3000–4000 m dicken antarktischen Eiskappe und den tiefsten Tälern des darunterliegenden kontinentalen Untergrunds. Etwa 80 solcher subglazialer „Seen“ wurden bis jetzt entdeckt, deren größter, der Wostok-See, etwa 1000 km nordöstlich des Südpols liegt – benannt nach der gleichnamigen russischen Forschungsstation in der Ostantarktis. Mit einer Ausdehnung von 225×48 km, einer größten Tiefe von 914 m und einem Wasservolumen von ca. 14.000 km3 ist er etwa 26mal so groß wie der Bodensee. Entstanden sind diese „Seen“ wahrscheinlich durch das Abschmelzen der Eisunterfläche an der Grenzschicht zum kontinentalen Untergrund unter dem hohen Druck der Eiskappe und zugleich durch die Wirkung der Erdwärme (Schmelzgeschwindigkeit etwa 1 mm/Jahr). In den Wasserblasen herrscht eine hoch-konstante Temperatur von etwa –3 oC. Das Alter dieses Lebensraums wird auf ca. 3 Millionen Jahre geschätzt. Es besteht zwar keinerlei Austausch zwischen ihm und der Welt über dem Eis; es findet jedoch ein – wenngleich unvorstellbar geringer – Abfluß von Wasser mitsamt eingeschlossenem organischem Material in Richtung des Kontinantalrands statt, da die Eisdecke stetig zentrifugalwärts driftet (ca. 4 m/Jahr) und namentlich am Rand der Wasserblasen wieder anfrierendes Wasser mit allen eingeschlossenen Inhaltsstoffen mit sich nimmt. Eine unmittelbare Probengewinnung aus diesem subglazialen, über Millionen von Jahren in sich geschlossenen Lebensraum durch Probebohrungen verbietet sich einstweilen wegen der damit verbundenen Gefahr, Fremdorganismen und andere „Verschmutzungen“ in dieses unberührte Ökosystem einzubringen. Dennoch haben driftseitige Probebohrungen bis an die Eis/Kontinentalgrenze in ausreichender Entfernung von den Wasserblasen erste Hinweise zumindest auf eine prokaryotische Organismenwelt in den Wasserblasen erbracht: Aus den Bohrkernen (Eisbohrkerne, Paläoklimatologie) in 300 m Tiefe wurden Protobakterien und Actinomyceten isoliert.

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