Lexikon der Biologie

Poliomyelitis



Bei einer Poliovirusinfektion erfolgt die Virusaufnahme über den Mund. Die anschließende Virusvermehrung findet zuerst im Nasen-Rachen-Raum und Darm statt, danach in den Tonsillen (Mandeln), den Peyerschen Plaques sowie den Lymphknoten des Rachens und Mesenteriums. Das Virus tritt dann in die Blutbahn ein. Es kommt zu einer meist vorübergehenden Virämie, bei der das Poliovirus andere suszeptible Gewebe erreichen kann. Bei weiterem Fortschreiten der Infektion und persistenter Virämie kann das Zentralnervensystem befallen werden, in welches das Virus außerdem entlang der Nervenfasern eindringen kann. Es werden meist bestimmte Nervenzelltypen (Vorderhornzellen des Rückenmarks) befallen und geschädigt bzw. zerstört. Bei einer Poliovirusinfektion ist das Virus für mehrere Wochen im Stuhl nachweisbar. In den ersten Tagen nach Infektion wird es auch über den Rachen ausgeschieden.



Im Jahr 2002 ist das Poliovirus von einer Forschergruppe in den USA erstmals künstlich hergestellt worden. Dazu verwendet wurden Genbausteine, die im Labor per Versand bestellt wurden, und der schon seit längerem entschlüsselte genetische Bauplan des Virus. Das ohne Hilfe lebender Mikroorganismen im Labor entstandene künstliche Poliovirus ist nach Forschungsberichten kaum von der natürlichen Variante zu unterscheiden und stellte sich in ersten Tierversuchen für Mäuse als ähnlich tödlich heraus wie das natürliche. Diese Entwicklung wird von nicht wenigen Forschern als sehr bedenklich eingeschätzt – stellt sie doch in Aussicht, möglicherweise auch andere gefährliche Viren im Labor quasi „aus dem Nichts“ zu erschaffen.

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