Lexikon der Biologie

Rangordnung



Warum sind Rangordnungen evolviert? Nach Ansicht der „klassischen“ Ethologie sind soziale Hierarchien ein im Dienste des Gruppenzusammenhalts evolviertes Ordnungsprinzip, von dem alle Gruppenmitglieder, also auch rangniedere, profitieren. Nach dieser Auffassung setzen Hierarchien aggressiven Auseinandersetzungen Grenzen und dienen somit dem sozialen Frieden. Darüber hinaus stellen soziale Hierarchien – wiederum im Dienste der gesamten Gruppe bzw. Art – sicher, daß nur die stärksten und gesündesten Individuen (K. Lorenz: „der beste Vater, die beste Mutter“) zur Fortpflanzung gelangen. Zur Unterstützung dieses gruppenselektionistischen Konzeptes (Gruppenselektion) schrieb man Tieren vielfach stark anthropomorph gefärbte „Rollen“ zu: Danach besäßen ranghohe Tiere nicht nur gewisse „Rechte“, sondern auch „Pflichten“, von denen die Rangniederen „befreit“ seien: So besäßen ranghohe Individuen eine herausgehobene Rolle bei der Abwehr von Raubfeinden und/oder arteigenen gruppenfremden Angreifern (Gruppenfeind, Gruppenverteidigung), bei der Führung der Gruppe, bei der Futtersuche usw. Darüber hinaus obliege ihnen die „Aufgabe“, Streit zu schlichten und rangniedere Individuen vor unverhältnismäßigen aggressiven Übergriffen zu schützen. Rangniedere Individuen profitierten somit von der Erfahrung und Aufmerksamkeit der Ranghohen und genössen die Vorteile des Gruppenlebens (Gruppeneffekt, Gruppensolidarität), müßten dafür aber auch gewisse Nachteile beim Zugang zu Ressourcen in Kauf nehmen. – Nach Auffassung der Soziobiologie und Verhaltensökologie haben Rangordnungen per se dagegen keinerlei adaptive Funktion, die Ursache ihrer Evolution wäre; vielmehr handelt es sich um eine Konsequenz der Verhaltensstrategien von Individuen, die um den Zugang zu limitierten und monopolisierbaren Ressourcen konkurrieren. Sind für das Überleben und die Fortpflanzung wichtige Ressourcen z.B. aufgrund ihrer Verteilung im Lebensraum nicht von Einzelindividuen monopolisierbar, entstehen in der Regel nur „flache“ Hierarchien (egalitäre Sozialsysteme, die sich durch weitgehend symmetrische Beziehungen zwischen den Individuen und kaum erkennbare Rangordnungen auszeichnen). Beispiele sind die relativ egalitären Beziehungen zwischen den Weibchen zahlreicher nichtmenschlicher Primaten, die sich von Blättern und anderen kaum monopolisierbaren Ressourcen ernähren (Gorilla, Languren), aber auch die relativ egalitären Sozialsysteme traditioneller Jäger-Sammler-Kulturen. Sind Ressourcen dagegen monopolisierbar, kommt es vielfach zur Ausbildung von despotischen Rangordnungen mit strikt asymmetrischen Beziehungen zwischen den Individuen, da jene, die sich aufgrund ihrer Rangstellung den Zugang zu begehrten Ressourcen sichern können, einen Selektionsvorteil haben: Sie hinterlassen mehr Nachkommen als rangniedere Individuen. Letztere profitieren also nicht von der Existenz einer Hierarchie (und schon gar nicht von ihrer niedrigen Rangposition), sondern nur davon, daß sie sich nicht auf Kämpfe einlassen, die sie nicht gewinnen können. Die Akzeptanz eines niedrigen Status beruht nach diesem Konzept nicht auf einer „angeborenen“ und dem „Gemeinwohl“ dienlichen Bereitschaft zur Unterordnung (Gehorsam), wie es die „klassische“ Ethologie annimmt, sondern aus den Fitness-Kosten alternativer Verhaltensoptionen (Auflehnung oder Auswandern) und der Chance, als Gruppenmitglied zu einem späteren Zeitpunkt selbst in eine höhere Rangposition aufzusteigen. Auch phänotypisch „altruistische“ Verhaltensweisen (Altruismus) ranghoher Individuen, wie die Abwehr von Raubfeinden oder das Eingreifen in Auseinandersetzungen anderer Gruppenmitglieder, lassen sich im Rahmen dieses Konzepts deuten (u.a. als Sicherung des eigenen Fortpflanzungspotentials und als Strategie zum Erhalt der eigenen Machtposition). – Der Zusammenhang zwischen sozialem Status und Fortpflanzungserfolg ist bei Tieren wie Menschen empirisch vielfach bestätigt; allerdings können auch rangniedere Individuen durch alternative Fortpflanzungstaktiken (z.B. Kooperation zwischen rangniederen Individuen, Weibchen-Mimikry, „heimliche“ Paarungen) ihren Fortpflanzungserfolg aufbessern. Kritik am soziobiologisch-verhaltensökologischen Rangkonzept kommt vor allem durch Studien am Menschen, nach denen zumindest in industrialisierten Gesellschaften der Zusammenhang zwischen sozialem Status und Kinderzahl weitgehend verloren gegangen ist. Humansoziobiologen verweisen demgegenüber darauf, daß die Kinderzahl nicht die einzige Fitness-Komponente ist, und daß auch in Industriegesellschaften der Zusammenhang zwischen Dominanz und sexueller Attraktivität (im männlichen Geschlecht) ungebrochen ist. A.P.

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