Lexikon der Biologie



Risikofaktor



Man unterscheidet 2 Gruppen von Risikofaktoren: a) Bedingungen, die sich auf biologische oder psychologische Merkmale des Individuums beziehen (auch primäre, kindbezogene Vulnerabilität genannt), wie z.B. genetische Belastung, geringes Geburtsgewicht oder schwieriges Temperament, und b) Bedingungen, die psychosoziale Merkmale der Umwelt des Individuums (Risikofaktoren i.e.S.) betreffen. Dazu zählen u.a. materielle Notlage, Kriminalität oder psychische Erkrankung eines Elternteils oder chronische Disharmonie in der Familie. Als Populationsansatz kann der Risikobegriff allein Wahrscheinlichkeitsaussagen über die Gefährdung einer Gruppe von Personen machen, er versagt jedoch bei der Abgabe einer individuellen Prognose, z.B. bei der Frage: welche Kinder einer Risikogruppe werden tatsächlich krank und welche bleiben trotz Risikobelastung gesund? Mit den Ergebnissen der Risikoforschung können lediglich deskriptive Aussagen über Zusammenhänge zwischen Risikofaktoren und kindlicher Entwicklung formuliert werden, kausale Schlußfolgerungen sind nicht möglich. Zu welchem Ergebnis eine Risikobelastung führt, läßt sich nur in einem interaktionistischen Ansatz, der das Zusammenwirken von Risikofaktoren und weiteren Person-Umweltmerkmalen berücksichtigt (Genotyp-Umwelt-Interaktion), verständlich machen. Eine zentrale Rolle im Rahmen interaktionistischer Modelle spielen protektive Faktoren (Schutzfaktoren), die sich risikomildernd auswirken (vgl. Abb.). Analog zum Risikokonzept unterscheidet man 2–3 Arten protektiver Einflüsse: a) kindbezogene Schutzfaktoren, sog. personale Ressourcen (Resilienz) wie ein positives Temperament, eine überdurchschnittliche Intelligenz und ein positives Selbstkonzept; b) umgebungsbezogene Schutzfaktoren, sog. soziale Ressourcen wie günstige familiäre Lebensverhältnisse, das Vorhandensein einer Vertrauensperson (Bindung) und gute externale Unterstützungssysteme, die oft auch als c) entwicklungsförderliche Bedingungen abgetrennt werden. Die Risikoforschung, vor allem M. Rutter, plädiert für ein eigenständiges Schutzkonzept und gegen eine Risikoforschung mit umgekehrten Vorzeichen, bei der das Fehlen von Risikofaktoren als Schutzfaktoren erfaßt wird.

Vier Voraussetzungen müssen Schutzfaktoren aufweisen, um aussagekräftig zu sein: 1) Eine deutliche Abgrenzung gegenüber Risikofaktoren, wodurch sichergestellt wird, daß die „geschützten“ Risikokinder sich nicht allein deshalb besser entwickelt haben, weil sie mit weniger Risiken als die Kinder mit ungünstigerem Entwicklungsverlauf belastet sind. 2) Der Nachweis eines Puffereffekts, der – im Gegensatz zu einem allgemeinen, unspezifischen Fördereffekt, von dem jedes Individuum in gleicher Weise profitiert – besonders oder ausschließlich dann protektiv wirksam ist, wenn eine Gefährdung vorliegt. Liegt ein protektiver Faktor vor, wird der Risikoeffekt gemildert oder völlig beseitigt („gepuffert“); fehlt ein protektiver Faktor, kommt der Risikoeffekt voll zum Tragen. 3) Der Nachweis protektiver Wirksamkeit kindlicher Resilienz, jedoch abgegrenzt von den kindlichen Kompetenzen. Nur so kann vermieden werden, daß ein- und dasselbe Kindmerkmal zweimal verwendet und in unterschiedlicher Funktion betrachtet wird – einmal als Kompetenz, die vor der Krankheit schützt (als protektiver Faktor), und einmal als Kompetenz, die als Ergebnis einer geschützten Entwicklung verstanden wird. 4) Der Nachweis einer zeitlichen Priorität des protektiven Faktors vor dem Risikofaktor. Ohne diese Voraussetzung kann man nicht sicher sein, ob mit einem Merkmal, in dem sich Risikokinder mit günstiger und ungünstiger Entwicklung unterscheiden (und das als protektiver Faktor interpretiert werden soll), tatsächlich die Ursache dieser positiven Entwicklung oder lediglich deren Folge erfaßt wird. Die Forschung über Schutzfaktoren verlangt prospektive Längsschnittuntersuchungen, denn nur dann kann die zeitliche Beziehung zwischen Risiko- und Schutzfaktor abgeklärt werden. Die frühe gute Mutter-Kind-Bindung erweist sich auch nach Anlegen strenger Methodenkriterien als Schutzfaktor: Kinder aus psychosozial hochbelasteten Familien, deren Mütter sich eher einfühlsam und responsiv verhalten, weisen signifikant weniger Symptome auf als Risikokinder, deren Mütter eher weniger positiv mit ihnen umgehen. Für psychosozial gering belastete Kinder hat ein entsprechendes Mutterverhalten keine prädiktive Bedeutung. Mit dem Risiko- und Schutzkonzept verbindet die Entwicklungsforschung große Hoffnungen: eine verbesserte Prognose für Risikokinder, eine Entstigmatisierung von Risikogruppen und Anregungen für eine wirkungsvolle Prävention von Entwicklungsstörungen. Deprivationssyndrom, Heimkinder, Verhaltensstörungen.G.H.-S.

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