Lexikon der Biologie



Australopithecinen

Wichtigste Entdeckungen, geordnet nach dem ersten geologischen Auftreten; Typus-Exemplare, die einer Artbeschreibung zugrunde lagen, sowie berühmte Funde mit Eigenname oder Sammlungsnummer. (Die Buchstaben bezeichnen Museen oder Grabungsstellen, die Ziffern beziehen sich auf die Numerierung im Grabungsprotokoll. Beispiele: ARA = Aramis; KNM = Kenyan National Museum; L.H. = Laetoli Hominid; OH = Olduvai Hominid; StW = Sterkfontein University of the Witwatersrand.)



Ardipithecus (Australopithecus) ramidus

Typusexemplar: ARA-VP-6/1

Funde:Aramis in der Region Middle Awash (Äthiopien); Forschungen seit 1992 durch ein internationales Forschungsteam um T. White und J.D. Clark; Kieferstücke und Skelettfragmente

Alter:4,4 Millionen Jahre

Merkmale: primitive, an Menschenaffen erinnernde Merkmale wie dünner Zahnschmelz und relativ große Eckzähne; vermutlich aufrecht gehend (nach Lage des Hinterhauptslochs) und kletternd.



Australopithecus anamensis

Typusexemplar:
KNM-KP 29281

Funde:beschrieben aufgrund von 21 Funden aus Kanapoi und Allia Bay (südwestlich bzw. östlich vom Turkana-See); 1994 von Meave Leakey und Mitarbeitern entdeckt

Alter: 4,2–3,9 Millionen Jahre

Merkmale: unterscheidet sich von allen anderen Australopithecus-Arten durch den kleinen knöchernen äußeren Gehörgang, die engständigen, fast parallelen, geraden Zahnreihen des Unterkiefers, die stark zurücktretende Kinnregion des Unterkiefers mit stark entwickeltem Torus, die Eckzähne mit langen, starken Wurzeln. In diesen und einigen Merkmalen der Zähne ist Australopithecus anamensis primitiver als Australopithecus afarensis. Dagegen sind das Schienbein und der Oberarmknochen, den man dreißig Jahre früher fand, vergleichsweise modern und Homo-ähnlich. Die Zusammengehörigkeit von Gebiß- und postkranialen Resten ist aber nicht gesichert.



Australopithecus afarensis

Typusexemplar:
L.H. – 4

Funde:1978 von D. Johanson, T. White, Y. Coppens anhand von Fossilien aus Hadar (Äthiopien; unter anderem "Lucy", A.L. 288–1) und Laetoli (Tansania) beschrieben (dort auch 3,6 Millionen Jahre alte Fußspuren); mittlerweile auch aus Kenia bekannt; bislang Überreste von ca. 140 Individuen gefunden, darunter nur wenige relativ vollständige Schädel

Alter: 4–3 Millionen Jahre ("Lucy" 3,2 Millionen Jahre)

Merkmale: einzigartige Kombination ursprünglicher und abgeleiteter Merkmale; Schädel mit vorstehendem Gesicht, fliehender Stirn und kräftigen Augenbrauenwulsten affenähnlich; Gehirnvolumen bei "Lucy" 410 cm3, bei A.L. 444–2 500 cm3; Affenlücke vorhanden. Eine aus 4 jugendlichen und 9 adulten Individuen bestehende Fossilansammlung ("erste Familie") deutet auf stark ausgeprägten Sexualdimorphismus (Männchen um 45 kg, Weibchen um 29 kg). Relativ lange Arme und gebogene Finger- und Zehenknochen weisen darauf hin, daß Australopithecus afarensis nicht nur aufrecht gehen, sondern auch geschickt in Bäumen klettern konnte. Einige Merkmale scheinen bei Australopithecus afarensis menschenähnlicher zu sein als beim geologisch jüngeren Australopithecus africanus.



Australopithecus bahrelghazali

Typusexemplar:
KT12/H1

Funde: 1996 von M. Brunet aus dem Flußbett Bahr el Ghazal (Tschad) anhand eines Unterkiefers beschrieben; Einzelfund

Alter:3,5–3 Millionen Jahre

Merkmale: Kieferanatomie ähnlich Australopithecus afarensis, doch Kinnbereich "moderner" (möglicherweise handelt es sich um eine geographische Variante von Australopithecus afarensis). –

Der Fund bezeugt, daß die Australopithecinen auch 2500 km westlich des großen Grabenbruchs vorkamen.



Australopithecus africanus

Typusexemplar:
"Kind von Taung"

Funde:nur aus südafrikanischen Höhlen, überwiegend aus Sterkfontein (mindestens 120 Individuen). Das "Kind von Taung" wurde 1925 von R.A. Dart als erster Australopithecine beschrieben und als Hominide erkannt. Der erste adulte Schädel (TM 1511) wurde 1936 von R. Broom in Sterkfontein (Transvaal) entdeckt und zunächst als Australopithecus transvaalensis bzw. Plesianthropus transvaalensis beschrieben. Ein 1947 in Sterkfontein gefundener Schädel (Sts 5), der als "Mrs. Ples" berühmt wurde, gehört nach neueren Untersuchungen zu einem Mann. Zu Australopithecus africanus gehören auch die als Australopithecus prometheus beschriebenen, durch Manganoxid schwarz gefärbten Fossilien aus Makapansgat

Alter:2,8–2,3 Millionen Jahre

Merkmale: Schädel in beiden Geschlechtern ohne Scheitelkamm, ansonsten beträchtliche individuelle Unterschiede; Gehirnvolumen zwischen 428 bis über 500 cm3; ein Schädel zeigt mit kräftigen Zähnen (Hinweis auf Männchen) und geringer Prognathie (Hinweis auf Weibchen) eine ungewöhnliche Merkmalskombination; diskutiert wird, ob es sich in Wirklichkeit um mehrere Arten handeln könnte.

Anmerkung: Die schwarzgefärbten Fossilien aus Makapansgat wurden von Dart auf Feuerbenutzung zurückgeführt (daher: Australopithecus prometheus). Wegen zahlreicher zertrümmerter Schädel sowie vieler Hörner, Antilopenkiefer und Langknochen, die als Waffen und Werkzeuge gedeutet wurden, schloß er auf eine carnivore, zum Teil kannibalische Lebensweise dieses Vormenschen (Nutzung von Zähnen und Knochen als Werkzeuge: osteodontokeratische Kultur).



Australopithecus aethiopicus

Typusexemplar: 18–1967–18

Funde:1968 aufgrund eines zahnlosen Kiefers (Omo 18–1967–18) aus der Shungura-Formation (Südäthiopien, westlich des Omo-Flusses) als Paraustralopithecus aethiopicus beschrieben. Weiterer Fund: "Black Skull" (Schwarzer Schädel: KNM-WT 17 000) vom Westufer des Turkana-Sees (Kenia), 1986 zunächst als Australopithecus boisei beschrieben; nur ein weiterer sicherer Fund (Kieferfragment)

Alter:2,7–2,5 Millionen Jahre

Merkmale:Am stärksten abweichende Australopithecinenart mit einer charakteristischen Kombination ursprünglicher und abgeleiteter Merkmale. Als abgeleitet gelten der große, weit hinten liegende Scheitelkamm, die riesigen Backenzähne und das flache, konkave Gesicht; diese Merkmale finden sich auch bei den jüngeren robusten Australopithecinen. Ursprüngliche Merkmale wie das vorspringende Gesicht, geringe Wölbung der Schädelbasis, kleines Hirnvolumen (410 cm3) sowie Schläfen-Nackenleisten am Hinterhauptsbein (Os occipitale) erinnern an Australopithecus afarensis.



Australopithecus boisei

Typusexemplar:
"Zinj" (OH 5)

Funde:1959 in der Olduvai-Schlucht von Mary Leakey in Tansania entdeckt, später als Zinjanthropus boisei beschrieben; weitere Funde aus Äthiopien, Kenia, Tansania; ca. 100 Fundstücke. Ein vermutlich ebenfalls zu Australopithecus boisei gehörendes Exemplar wurde 1996 in Malema (Malawi) gefunden

Alter: 2,3–1,4 Millionen Jahre; Fund aus Malawi: 2,5 Millionen Jahre

Merkmale: im Vergleich zu Australopithecus robustus noch größere Backenzähne (4mal so groß wie bei Homo), kleine Schneide- und Eckzähne, kräftiger, dicker Unterkiefer, breites, konkaves Gesicht, stark vorstehende Jochbögen.



Australopithecus robustus

Typusexemplar:
TM 1517

Funde:1938 aus Kromdraai (Südafrika) von R. Broom als Paranthropus robustus beschrieben. Die meisten Funde (mindestens 85 Individuen) stammen aus Swartkrans (Südafrika); aus dieser fossilreichen Höhle wurde 1948 Paranthropus crassidens(Typusexemplar SK 6) als eigene Art beschrieben (heute meist zu Australopithecus robustus gerechnet)

Alter: 2,0–1 Millionen Jahre

Merkmale: Eckzähne recht klein, kräftige Backenzähne; Schädel mit kleinem Scheitelkamm, breites, flaches Gesicht.





Australopithecus spec., "Little foot"

Fund:
StW 573; 1998 in Sterkfontein (Südafrika) von R.J. Clarke und Mitarbeitern entdeckt; bislang ältestes Skelett eines Vormenschen mit gut erhaltenem Schädel

Alter:ca. 3,6 Millionen Jahre

Merkmale: Schädel offenbar nicht vom gracilen Typ, auffällig kleine Füße.





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