Lexikon der Biologie

Tertiär



Die Lebewelt des Tertiärs



Diese Periode der Erdgeschichte hat erstmals auch den landbewohnenden Teil der Lebewelt nahezu lückenlos überliefert. Entscheidende Gründe dafür dürften in der topographischen Fastidentität der Kontinente und in der alpidischen Gebirgsbildung zu finden sein. Abtragungsprodukte der aufsteigenden Gebirge lieferten die Decksedimente zur Erhaltung organischer Reste. Anders als bei früheren Orogenesen blieb die nachfolgende Einebnung und Zerstörung der Fossilien (noch) aus. Hinzu kommt die klimatische Begünstigung dieser Periode, die wohl als die Zeit der zahlreichsten und schönsten Lebewelt in kaum vorstellbar schöner Topographie anzusehen ist. Insgesamt besitzt das Pliozän einen Anteil von 50–90% der heutigen Arten, das Miozän von 20–40%, das Oligozän 10–15% und das Eozän 1–5%, während solche im Paleozän gänzlich fehlen.



Pflanzen

Bedecktsamer (Angiospermen), die das Bild einer Naturlandschaft prägen, erfuhren am Beginn des Tertiärs eine geradezu explosive Entwicklung. Insekten und Vögel mochten durch ihre Mitwirkung bei Fremd-Bestäubung und Samenausbreitung wesentlichen Anteil daran haben. Bekannt sind über 225.000 Arten. Erste Gräser traten im jüngeren Paleozän auf. Man unterscheidet: 1) eine arktotertiäre Primärflora (arktotertiäre Formen), die, aus Asien kommend, noch heute den Grundstock der europäischen Flora darstellt; sie bestand überwiegend aus sommergrünen Gehölzen und wurde in der Eiszeit stark dezimiert; 2) eine immergrüne (laurophylle) Flora subtropischen Charakters, die besonders im Alttertiär verbreitet und von Bedeutung für die Braunkohlenbildung war; Relikte finden sich heute noch in Südostasien, Mittelamerika, Florida und auf den Kanaren; 3) eine trocken-atlantische Flora; auf sie gehen große Teile der heutigen Mittelmeerflora (Mediterranregion) zurück. – Neben den Angiospermen sind auch andere Pflanzengruppen umfangreich belegt; Nadelhölzer waren z.B. an der Kohlebildung stark beteiligt. Marine Floren finden sich vor allem in Gestalt von Algen (z.B. Kalkflagellaten, Kieselalgen); deren Hartteile sind von hohem stratigraphischem Nutzen. Im limnischen Bereich spielen Oogonien von Charales (Armleuchteralgen i.w.S.) die gleiche Rolle.



Tiere

Der sog. Faunenschnitt an der Kreide/Tertiär-Grenze bewirkte einen tiefgreifenden Umbruch. Er drückt sich am einprägsamsten aus im plötzlichen Hervortreten der Säugetiere („Zeitalter der Säugetiere“). Nur 2 Gruppen mesozoischer Säuger vermochten in wenigen Arten die Zeitgrenze zu überschreiten: Multituberculata (in Europa Neoplagiaulax, Liotomus) und Beutelrattenartige (Didelphoidea). Darüber hinaus erscheint die Säugetierfauna des Paleozäns, die im Gegensatz zu Nordamerika in Europa bislang nur von wenigen Fundstellen (Walbeck, Cernay-les-Reims, Menat, Hainin) bekannt ist, artenarm und auf das obere Paleozän beschränkt: 5 Familien von Insektenfressern, 2 von Urhuftieren (Condylarthra), 2 von Raubtieren und 3 von Herrentieren (Primaten). In Arctocyon (Arctocyoninae) erreichten die noch altertümlichen, den Creodonta zugerechneten Raubtiere bereits Wolfsgröße. Das Eozän, in dem die Multituberculata endgültig verschwanden, begann in Europa wiederum mit einem faunistischen Einschnitt (merkliche Diversifikation der Säugetiere), der aber durch Kenntnislücken bedingt sein könnte. Nordamerika und Europa standen im Alttertiär durch Landverbindungen in stetem Faunenaustausch. Unpaarhufer mit Ceratomorpha und Hippomorpha sowie erste Pferde traten erstmals im Eozän auf, ebenso die Paarhufer mit den Suiformes (Schweineartige; ohne Suina), Tylopoda (Schwielensohler) und Ruminantia (Wiederkäuer), die Carnivoren mit Canidae (Hunde), Felidae (Katzen) und Machairodontidae (echte Säbelzahnkatzen), ferner Coryphodonten (Vertreter der Amblypoda), Proboscidea (Rüsseltiere) , Elefantengröße erreichende Uintatherien (Uintatherium), Rodentia (Nagetiere) und Lagomorpha (Hasentiere), Halbaffen (Lemuren und Tarsiiformes [Koboldmakis]), Anthropoidea (Eosimiidae: Eosimias), Insektenfresser u.a. Nach Trennung Nordamerikas von Europa im Eozän begann eine eigenständige Entwicklung mit Palaeotheriidae, Lophiodonten (Lophiodon), Xiphodonten (Xiphodon), Cebochoeriden und Caenotherien (Cainotherium). Auch Tapire, Nabelschweine, Pfeifhasen, Schuppentiere, Flughunde und Halbpanzer-Nashörner gehören in das Bild der alttertiären Säugerfauna. Im jüngsten Paläogen entstand eine dauerhafte Verbindung zwischen Europa und Asien. Die faunistische Umwälzung zwischen Alt- und Jungtertiär (grande coupure), dem viele paläogene Elemente zum Opfer fielen, liegt im Burdigalium. Zahlreiche Einwanderer aus Afrika nahmen deren Platz ein. Dazu gehören die Proboscidier (Rüsseltiere) mit Mastodonten und Dinotherien (Deinotheriidae), Hylobatiden (Gibbons; Pliopithecus), Pongiden (Menschenaffen; Dryopithecus), Cercopitheciden (Mesopithecus), Schliefer (Pliohyrax), Erdferkel (Orycteropus), Steppennashorn (Diceros) und möglicherweise auch Flußpferde (Hexaprotodon) und Antilopen. Manche dieser Gruppen starben während des Jungtertiärs wieder aus. Im Miozän erste Hominiden (Proconsul); Auftreten von Kenyapithecus und Sivapithecus. Außer einer Anzahl „moderner“ Formen wie Martes (Marder), Mustela, Crocuta, Hyaena (Hyänen), Erinaceus (Igel), Sorex (Spitzmäuse), Rhinolophus (Hufeisennasen.) u.a., die schon im Tertiär entstanden, überschritten nur wenige Superstiten die Grenze zum Pleistozän (Mastodonten, Machairodonten, Flußpferde, Nashörner, Hipparionen u.a.). Entfaltung der Hominiden im Laufe des Pliozän (Baringo, Kenia), danach mit Ardipithecus ramidus, Australopithecus anamensis, Australopithecus afarensis, Australopithecus bahrelghazali, Australopithecus africanus, Australopithecus boisei, Australopithecus robustus (Australopithecinen) sowie zuletzt mit Homo habilis und Homo erectus (Paläanthropologie). – Unter den Wirbellosen kommt den Foraminifera besondere Bedeutung als Leitfossilien zu. Großformen (Nummuliten, Alveolinen u.a.) waren Bewohner der Tethys und charakteristisch für das Paläogen. Während die Brachiopoden (Armfüßer) verarmten, bildeten Bryozoen (Moostierchen) wieder Riffe aus wie im Silur und Perm. Unter den Weichtieren entfalteten Schnecken und Muscheln ungeheure Vielfalt an Formen und (manchmal erhaltenen) Farben; sie eignen sich besonders für die zeitliche Einstufung regional begrenzter Faziesgebiete (z.B. „Lymnaenmergel“, „Cerithien-, Hydrobienschichten“). Unter den Stachelhäutern traten die Irregulären Seeigel in den Vordergrund (Clypeaster [Sanddollars], Scutella, Echinolampas). Erste Discoaster und erste Primaten im jüngeren Paleozän. Crinoidea fehlen in Tertiär-Sedimenten fast gänzlich, da sie sich – wie auch Kieselschwämme (Silicea) und viele Krebstiere – in tiefere Meeresbereiche zurückgezogen hatten. In der Fülle tertiärer Fische fallen Häufigkeit und imponierende Größe von Haizähnen auf (Lamna [Makrelenhaie], Carcharodon). In der Überlieferung gehören Amphibien zu den Raritäten (Andrias [Riesensalamander], Frösche); Schildkröten (Trionyx [Weichschildkröten], Clemmys [Wasserschildkröten], Ptychogaster) und Krokodile sind die häufigeren Repräsentanten unter den Reptilien. Aber auch die nur dürftig belegten Tiergruppen waren im Tertiär zumeist häufiger als heute.

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