Lexikon der Biologie

Tierwanderungen



Bei den Tierwanderungen werden, gemessen an der Fortbewegungsmöglichkeit des betreffenden Tieres, zum Teil erhebliche Entfernungen zurückgelegt. Bei den periodischen und aperiodischen Wanderungen kann man unterscheiden: klimatisch bedingte jahreszeitliche Wanderungen, Nahrungswanderungen, Fortpflanzungswanderungen und populationsdynamisch bedingte Wanderungen. – Am bekanntesten sind die klimatisch bedingten Wanderungen der Zugvögel, die Gebiete der mittleren und hohen Breiten vor Eintreffen ungünstiger Klimabedingungen (Klima) und der Veränderung des Tag-Nacht-Verhältnisses (Photoperiode) verlassen und in der Regel in äquatornähere Regionen ziehen (Vogelzug). Dies gibt es auch bei Insekten. Der nordamerikanische Monarch-Falter (Danaus plexippus; Monarch) pflanzt sich im Frühjahr in Nordamerika fort; im Herbst zieht er in Scharen in sein Überwinterungsgebiet am mexikanischen Golf. Dabei werden jährlich mit großer Regelmäßigkeit bestimmte Bäume zum Rasten aufgesucht, die deshalb in verschiedenen Staaten unter Naturschutz stehen. Ähnliche Wanderungen sind auch von europäischen und nordamerikanischen Fledermäusen bekannt. Vorwiegend klimatische Ursachen haben auch die vertikalen oder altitudinalen Wanderungen von Gebirgstieren, wie z.B. den Weißwedelhirschen in Nordamerika, den Gemsen und Rothirschen in den Alpen und den andinen Kolibris. – Nahrungswanderungen werden vielfach von jahreszeitlichen Klimabedingungen mitbestimmt, stärker maßgebend ist jedoch das unterschiedliche regionale Nahrungsangebot. In den höheren Breiten führen Bisons und Rentiere solche durch. Bei vielen afrikanischen Huftieren ist vor allem die regionale und zonale Verteilung des Niederschlags und die damit verbundene jahreszeitliche Produktivität der Savannen maßgebend. – Fortpflanzungswanderungen sind unter Wanderfischen und verschiedenen Meeresbewohnern wie Meeresschildkröten, Pinguinen, Robben, Walen, Weichtieren und Stachelhäutern verbreitet. Der zu den Ährenfischen gehörende pazifische Grunion (Leuresthes tenuis) und der pazifische Palolowurm (Eunice viridis) richten sich dabei nach bestimmten Mondphasen (Lunarperiodizität). Auf Karibischen Inseln wandern Landkrabben zur Fortpflanzung ins Meer. Gut bekannt sind auch die Früh- und Spätjahreswanderungen der Erd-Kröten (Bufo bufo) und anderer Amphibien. – Populationsdynamisch bedingte Wanderungen (Populationsdynamik) werden durch die Zunahme der Besiedlungsdichte (Populationsdichte) nach stärkerer Vermehrung verursacht. Wanderheuschrecken haben 2 Formen, nämlich eine bestandsbildende Solitariaphase und die Gregariaphase als Wanderform, die gehäuft nach starker Vermehrung auftritt. Ausgeprägter saisonaler Biotopwechsel findet beim skandinavischen Berglemming (Lemmus lemmus) und auch beim Waldlemming (Myopus schisticolor) statt (Lemminge). Vom Berglemming sind die berühmten Massenwanderungen bekannt, deren Jungtiere beim Einsetzen der Geschlechtsreife abzuwandern beginnen und dabei in großer Zahl zugrunde gehen. – I.w.S. können auch durch Hochwasser bedingte Massenwanderungen (z.B. von Wasservögeln) in großen Überschwemmungsgebieten, wie des brasilianischen Pantanal, dem Begriff zugerechnet werden, ebenso durch Brände (Feuerökologie) geförderte kleinräumige Nahrungswanderungen.

[Drucken] [Fenster schliessen]