Lexikon der Biologie

Verhaltensgenetik



Man kann 2 Hauptrichtungen der verhaltensgenetischen Forschung unterscheiden: quantitativ-genetische und molekulargenetische Ansätze: Die quantitative Verhaltensgenetik untersucht den Einfluß von genetischen Faktoren und Umweltfaktoren auf individuelle Unterschiede in Verhaltensmerkmalen. So kann dieselbe Umwelt in unterschiedlichen Genotypen ganz unterschiedliche Verhaltensweisen hervorbringen. Tatsächlich kann man auch feststellen, daß bestimmte Genotypen dazu neigen, sich in ganz bestimmten Umweltmilieus aufzuhalten, und so diese wiederum mit ihrem spezifischen Verhalten beeinflussen. Man spricht hier von Interaktionen und Covariationen zwischen den (genetischen) Anlagen und der Umwelt (Genotyp-Umwelt-Korrelation). Die molekulare Verhaltensgenetik versucht, spezifische Gene zu identifizieren, die Verhaltensunterschiede beeinflussen. Hier werden z.B. Merkmale untersucht, die in Familien überdurchschnittlich gehäuft gemeinsam auftreten, was darauf hindeutet, daß die entsprechenden Gene nahe beieinander auf demselben Chromosom liegen. Man muß jedoch mit der Identifizierung bestimmter Gene und deren Einfluß auf Verhaltensweisen vorsichtig sein: z.B. wurde 1998 von einer Verknüpfung zwischen dem DNA-Marker IGF2R und dem Intelligenzquotienten (Intelligenztest) berichtet. Bei 2 hochintelligenten Probandengruppen trat ein spezifisches Allel dieses Gens etwa doppelt so häufig auf wie bei einer Kontrollgruppe durchschnittlich intelligenter Personen. Damit wurde aber keinesfalls ein ausschlaggebendes Intelligenzgen identifiziert, denn IGF2R erklärte in dieser Studie nur etwa 1,5% der IQ-Varianz. Ein großer Teil der verhaltensgenetischen Forschung am Menschen gilt psychischen Störungen. Insbesondere Schizophrenie, manisch depressives Kranksein (Depression, Manie) und kindlicher Autismus erwiesen sich als stark genetisch beeinflußt: Während das Risiko, im Laufe des Lebens an Schizophrenie zu erkranken, in der Gesamtbevölkerung bei ca. 1% liegt, betragen die Konkordanzraten (Konkordanz) bei zweieiigen Zwillingen 15% und bei eineiigen Zwillingen 50%, d.h., wenn ein eineiiger Zwilling an Schizophrenie erkrankt, beträgt das Risiko einer Erkrankung des Zwillingsgeschwisters ca. 50%. Multivariate genetische Analysen erforschen die Ursachen von Comorbiditäten (erhöhte Wahrscheinlichkeit einer weiteren psychischen Störung bei bereits psychisch Kranken), indem sie Kreuzkonkordanzen bei Verwandten analysieren. Einschlägige Studien zeigen, daß Ängstlichkeit (Angst) und unipolare Depression eine gemeinsame genetische Quelle haben, während dies für Schizophrenie und bipolare Depression nicht gilt.

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