Lexikon der Biologie



Begrüßungsverhalten



Die menschliche Begrüßung besteht nach den Untersuchungen von I. Eibl-Eibesfeldt aus den Komponenten Selbstdarstellung (Imponieren) und Beschwichtigung bzw. Bindung, deren jeweiliger Anteil von Begegnung zu Begegnung variiert. Wenn z. B. Yanomami-Indianer Gäste empfangen, wird häufig ein Kriegstanz aufgeführt, gleichzeitig tanzt ein Mädchen mit und schwenkt dabei beschwichtigend einen Palmwedel. Bei internationalen Staatsbesuchen wird neben dem militärischen Imponieren einschließlich Salutschießen ein Kind damit beauftragt, Blumen an den Gast zu überreichen. Auch bei alltäglichen Begrüßungen finden sich diese beiden Funktionen: zum einen der Versuch, über freundliche Akte, wie Geschenke überreichen, Lächeln, Verbeugung oder Grußworte, zu beschwichtigen und zu binden; zum anderen zeigt sich gerade bei der Begrüßung das menschliche Bestreben, Dominanzbeziehungen (Dominanz) herzustellen und zu dokumentieren. Vor allem Männer geben sich untereinander häufig stark, drücken dem Sozialpartner fest die Hand, klopfen ihm auf die Schulter oder versuchen, verbal zu dominieren. –

Wie sich Individuen selbst darstellen, beschwichtigen oder ein Band stiften, variiert, dafür stehen verschiedene Verhaltensweisen als funktionelle Äquivalente zur Verfügung – angeborene ebenso wie kulturell geprägte. Die zugrundeliegende Strategie freundlicher Kontakteröffnung ist jedoch universell. Auch die nach der Begrüßung folgende Phase der Bandbekräftigung zeichnet sich durch universell gültige Charakteristika aus. Zur Bekräftigung von Beziehungen oder emotionellen Vertiefung von Bindungen werden Übereinstimmung und Anteilnahme in Dialogen bekundet. Inhalte sind dabei sekundär ("grooming talk"). Gemeinsamkeit wird durch gemeinsame Handlungen wie Essen, Tanzen oder ähnliches ausgedrückt.



In der anschließenden Phase des Abschieds geht es wieder um Beschwichtigung und den Erhalt des Bandes für die Zukunft. Für diesen Zweck werden Geschenke oder Geschenkäquivalente getauscht (gute Wünsche) und Verbundenheit sich gegenseitig versichert. – Trennungen ohne gelungene Abschiedsrituale wirken sich verunsichernd auf Kleinkinder aus (Verlassenheitsangst). Bei der Begrüßung finden sich typische Geschlechtsunterschiede: Begrüßungen zwischen Frauen sind eher mit der Berührung intimerer Körperbereiche verbunden (Hand

Oberkörper

Gesicht

Mund; Körperkontakt) als die zwischen Männern. Begrüßung und Verabschiedung nach bzw. vor längerer Trennung oder solche, die mit einer größeren geographischen Distanz einhergehen, sind intimer und länger als kurzfristige Trennungen im Alltagsgeschehen.

J.Be.





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