Lexikon der Biologie



Sterbehilfe durch

Therapiebegrenzung




Es ist das Ziel der Medizin, Leiden zu mindern, die Gesundheitsspanne der Lebensspanne immer mehr anzugleichen. Gerontologisches Bemühen der Ärzte kann nicht darauf abzielen, dem Leben immer noch mehr Jahre zu geben, sondern den Jahren mehr Leben (Altern). In der Praxis geht es um die Frage nach dem rechten Maß an Lebensverlängerung. Der ethische Grundsatz lautet: "Die Entscheidung für die Anwendung aller verfügbaren Maßnahmen zur Lebensverlängerung ist ethisch keineswegs unbedenklicher als die Entscheidung für die Unterlassung derartiger Maßnahmen." Der Mainzer Moraltheologe Johannes Reiter hat das Problem auf den Punkt gebracht: "Wie das Postulat Menschlichkeit im ärztlichen Handeln eingelöst werden kann, muß neu ausgelegt und überzeugend praktiziert werden." Die Ärzteschaft als ganzes hat hier noch kein einheitliches Konzept gefunden, obgleich einzelne Gruppierungen sich neuerdings dezidiert geäußert haben, zum Beispiel die Chirurgen. In der Leitlinie zum Umfang und zur Begrenzung der ärztlichen Behandlungspflicht in der Chirurgie von 1996 heißt es dazu: "Während Therapiebegrenzung im Rahmen der ärztlichen Sterbebegleitung oder auch in früheren Phasen einer prognostisch infausten Erkrankung zum ärztlichen Behandlungsauftrag gehört bzw. gehören kann, werden Tendenzen zur Akzeptanz ... einer aktiven Euthanasie abgelehnt, auch in Kenntnis und unter Würdigung gegenteiliger Argumente."..."Therapiebegrenzung hat das Ziel, einem Patienten Belastungen durch eine spezielle Therapiemaßnahme zu ersparen, wenn diese für seine individuelle Situation keine Hilfe bringt. Eine auf diese Weise ärztlich indizierte Therapiebegrenzung bedeutet nicht eine geringere Behandlungsintensität oder gar Nicht-Behandlung aufgrund ökonomischer Gegebenheiten bei schwerkranken, bei gebrechlichen, alten oder behinderten Patienten. Eine solche Therapiebegrenzung würde ärztlichem Ethos widersprechen." Auf der anderen Seite hat das Oberlandesgericht Frankfurt kürzlich (August 1998) entschieden, daß ein Vormundschaftsgericht dem Abbruch der Sondenernährung von Koma-Patienten zustimmen darf, "wenn dies dem zuvor geäußerten oder dem mutmaßlichen Willen" des Patienten entspricht "und ein bewußtes und selbstbewußtes Leben nicht mehr zu erwarten ist". Der im vorab geäußerte Patientenwille wird in Zukunft von besonderer Bedeutung sein, wenn es darum geht, durch Therapiebegrenzung dem Postulat Menschlichkeit im ärztlichen Handeln eine neue Dimension zu eröffnen.





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