Lexikon der Biologie



Abtreibungspraxis



Eine schwere Belastung für die bioethische Diskussion über Embryonenschutz ergab sich aus dem Umstand, daß sie von Anfang an durch eine Bewußtseinsspaltung gegenüber dem menschlichen Leben gekennzeichnet war und ist. Nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 28. 5. 1993 ist in Deutschland (nach einer Beratung) der Schwangerschaftsabbruch ohne Indikation bis zur 12. Woche straffrei, aber rechtswidrig. Das "rechtswidrig" hat lediglich die Konsequenz, daß ein Anspruch auf Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung nicht besteht. In finanziellen Notlagen übernehmen jedoch die Sozialämter oder die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten eines Schwangerschaftsabbruchs.

De facto genießt der Fetus in utero somit keinen Rechtsschutz, im Gegensatz zum extrakorporalen Embryo, dem das Embryonenschutzgesetz den vollen strafrechtlichen Schutz gewährt. Diese ethisch und juristisch paradoxe Situation ist das Ergebnis "politischer" Kompromisse. In Deutschland werden derzeit pro Jahr etwa 200 000 legale Abtreibungen vorgenommen. Die meisten dieser Abtreibungen erfolgen nicht aufgrund einer medizinischen/embryopathischen Indikation. Sie bedeuten somit die absichtliche Tötung eines normalen Fetus, d. h. eines genetisch gesunden Menschen in seiner vorgeburtlichen Zeit. Es erscheint unvorstellbar, daß in unserem Land tatsächlich soziale Not der Grund für die hohe Zahl der Abtreibungen sein soll. Die eigentliche Ursache für die derzeitige Abtreibungspraxis liegt eher darin, daß die Tötung eines Menschen in seiner vorgeburtlichen Zeit von maßgebenden Kräften in unserer Gesellschaft als ethisch unerheblich angesehen wird. Natürlich ist dem Autor die Vielschichtigkeit des Problems bekannt. Aber dies kann für den Biologen nicht bedeuten, daß er sich für Embryonenschutz einsetzt – wie viele von uns erwarten – und gleichzeitig dem weit entwickelten Fetus den Schutz verweigert. Die Ethik des Umgangs mit dem ungeborenen menschlichen Leben ist unteilbar. Für den Biologen ist und bleibt die Abtreibung eine Notlösung, die ultima ratio, bei einer entsprechend gelagerten medizinischen, embryopathischen, kriminologischen oder sozialen Indikation. Geburtenkontrolle, eine weltweit vordringliche Aufgabe (Empfängnisverhütung), kann ethisch nur Konzeptionskontrolle bedeuten.





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