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Kompaktlexikon der Biologie: Art

Art, Species, Spezies, wichtigste, klar abgrenzbare Verallgemeinerungseinheit der Biologie und damit grundlegender Begriff in Systematik, Klassifikation und Taxonomie. Eine A. ist eine Gruppe von Individuen, die durch Abstammungsbande zwischen Eltern und Nachkommen gekennzeichnet ist und in Gestalt, Physiologie und Verhalten soweit übereinstimmt, dass sie sich von anderen Individuengruppen abgrenzen lässt. Bei Organismen mit zweigeschlechtlicher Fortpflanzung kommt als entscheidendes Kriterium die Fähigkeit hinzu, gemeinsam fertile Nachkommen zu erzeugen. Eingeschränkt auf zweigeschlechtliche Organismen kann die A. als geschlossene Fortpflanzungsgemeinschaft aufgefasst werden.

Biologische Arten weisen eine Vielzahl von Aspekten auf. Die bereits erwähnte Fortpflanzungsfähigkeit bildet den Kern des biologischen Artbegriffs oder der Biospezies. Eine Biospezies ist eine Gruppe sich tatsächlich oder potentiell kreuzender Individuen, die fruchtbare Nachkommen hervorbringen. Der genetische Zusammenhalt von Individuen einer Biospezies wird durch physiologische, ethologische, morphologische und genetische Eigenschaften gewährleistet, die gegenüber artfremden Individuen isolierend wirken (Isolationsmechanismen), also verhindern, dass zwischenartliche Bastardierung stattfindet. Zwischen den Angehörigen einer Art besteht demnach Genfluss, sie haben Anteil an einem Genpool und sind somit die Einheit, in der evolutionärer Wandel stattfindet. Meist lassen sich die Individuen verschiedener Biospezies anhand äußerer Merkmale unterscheiden, doch allein die Fortpflanzungsbeziehungen sind das entscheidende Kriterium. Die Erkenntnis, dass Biospezies in Populationen organisiert sind, bedeutet für die Praxis, dass Arten unter Berücksichtigung der Merkmals-Variabilität als Stichprobe aus einer Population zu beschreiben sind und nicht wie früher anhand typischer Individuen festgelegt werden (typologische Art). Das Kriterium der Fortpflanzungsfähigkeit versagt bei den so genannten Agamospezies. Es lässt sich auch nicht befriedigend anwenden, sobald es zwischen klar unterscheidbaren, in allen anderen Aspekten als getrennte Arten anzusehenden Taxa zu gelegentlichen Bastardierungen (Artbastard) kommt. Diese führen zu Bastardschwärmen und unter Umständen zur Artbildung (insbesondere bei manchen Samenpflanzen, Allopolyploidie).

Die Morphospezies ist ein weiterer Artaspekt. Darunter versteht man eine Gruppe von Individuen, die in ihren wesentlichen Merkmalen (auch denen des Verhaltens und der Physiologie) untereinander und mit ihren Nachkommen übereinstimmen. Dabei müssen die zur Artabgrenzung verwendeten Merkmale eine Diskontinuität aufweisen, während sie zwischen den Individuen ein und derselben Art kontinuierlich variieren können.

Der ökologische Aspekt ergibt sich aus der Annahme, dass die morphologischen Strukturen, die als artspezifisch angesehen werden, Teil der organismischen Dimensionen sind, mit denen eine Art ihre ökologische Nische realisiert. Arten sind somit auch als ökologische Einheiten aufzufassen, als Ökospezies. Mit diesem Aspekt verbindet sich die durch viele Einzeluntersuchungen gestützte Vorstellung, dass Arten eine jeweils spezifische ökologische Nische bilden und nur miteinander koexistieren können, sobald sie sich in ihren Nischendimensionen hinreichend unterscheiden.

Aus evolutionärer Sicht ist eine Art eine ununterbrochene Kette sich fortpflanzender Individuen (Linie), die sich während ihrer jeweiligen Lebenszeit ihre genetische Eigenständigkeit bewahren und ökologisch behaupten. Eine evolutionäre Art beginnt mit der Aufspaltung einer Stammart in Tochterarten und endet erst mit ihrer eigenen Aufspaltung oder mit dem Aussterben. Vorfahren und Nachfahren nicht aufspaltender Linien werden folglich stets als artgleich angesehen – unabhängig davon, ob es in der Zeit zu einem deutlichen evolutiven Mangel gekommen ist oder nicht (Artbildung, Anagenese).

In der systematischen Praxis ergibt sich oft die Notwendigkeit, Gruppen unterhalb des Artniveaus feiner zu kennzeichnen und als geografische oder ökologische Unterarten zu beschreiben; solche Arten nennt man polytypische Arten.

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  • Die Autoren

Redaktion:
Dipl.-Biol. Elke Brechner (Projektleitung)
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Dr. Daniel Dreesmann

Wissenschaftliche Fachberater:
Professor Dr. Helmut König, Institut für Mikrobiologie und Weinforschung, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Professor Dr. Siegbert Melzer, Institut für Pflanzenwissenschaften, ETH Zürich
Professor Dr. Walter Sudhaus, Institut für Zoologie, Freie Universität Berlin
Professor Dr. Wilfried Wichard, Institut für Biologie und ihre Didaktik, Universität zu Köln

Essayautoren:
Thomas Birus, Kulmbach (Der globale Mensch und seine Ernährung)
Dr. Daniel Dreesmann, Köln (Grün ist die Hoffnung - durch oder für Gentechpflanzen?)
Inke Drossé, Neubiberg (Tierquälerei in der Landwirtschaft)
Professor Manfred Dzieyk, Karlsruhe (Reproduktionsmedizin - Glück bringende Fortschritte oder unzulässige Eingriffe?)
Professor Dr. Gerhard Eisenbeis, Mainz (Lichtverschmutzung und ihre fatalen Folgen für Tiere)
Dr. Oliver Larbolette, Freiburg (Allergien auf dem Vormarsch)
Dr. Theres Lüthi, Zürich (Die Forschung an embryonalen Stammzellen)
Professor Dr. Wilfried Wichard, Köln (Bernsteinforschung)

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