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Kompaktlexikon der Biologie: Mundgliedmaßen

Mundgliedmaßen, Mundwerkzeuge, der Nahrungsaufnahme dienende, meist stark abgewandelte Extremitäten der Gliederfüßer (Arthropoda), die das zweite bis sechste Kopfsegment umfassen können. Die ursprünglichsten M. sind diejenigen der Krebse (Crustacea); sie zeigen oft noch den Spaltfußcharakter, meist aber werden auf Kosten des Endo- und Exopoditen der Protopodit und seine Enditen stark entwickelt. Die paarigen Oberkiefer (Mandibeln), die im Naupliusstadium und bei einigen Ruderfußkrebsen (Copepoda) noch zweiästig sind, bestehen meist aus einer bezahnten Kauplatte mit oder ohne Taster. Zwei Paar Unterkiefer, die ersten und zweiten Maxillen, liegen dicht hinter dem Oberkiefer und besitzen i.d.R. gut ausgebildete Kauplatten. Bei den höheren Krebsen dienen die ebenfalls umgebildeten ersten bis dritten Brustbeinpaare, die Kieferfüße (Gnathopoden oder Maxillipeden) der Nahrungsaufnahme. Bei den räuberischen Hundertfüßern (Chilopoda) finden sich außer einem Paar Mandibeln, einem Paar erster Maxillen mit rudimentären oder fehlenden Tastern und einem Paar beinähnlicher zweiter Maxillen noch ein zu Maxillipeden umgewandeltes Brust- oder Rumpfbeinpaar, das mit dem mittleren verschmolzenen Teil den Kopf von unten bedeckt und dessen beide Füße mit je einer Giftklaue enden, in deren Spitze die Giftdrüse ausmündet.

Während bei den Pflanzen fressenden Doppelfüßern (Diplopoda) die Mandibeln mehrgliedrig sind, verschmelzen die ersten Maxillen median zu einer Platte, dem Gnathochilarium und schließen zugleich die verkümmerten zweiten Maxillen mit ein. Das Gnathochilarium hat die Funktion einer Unterlippe, ist aber nicht mit der Unterlippe der Insekten vergleichbar.

Die usprünglichsten M. der Insekten (Insecta), die beißend-kauenden M., bestehen aus der unpaaren Oberlippe (Labrum), den paarigen, ungegliederten Oberkiefern, den gegliederten, mit Tastern (Palpen) versehenen Unterkiefern und der ebenfalls gegliederten, basal verwachsenen und die Mundhöhle nach unten verschließenden Unterlippe (zweite Maxille oder Labium). Jede Unterkieferhälfte besteht aus einem Grundglied, einem langgestreckten Hauptglied mit Kiefer- oder Maxillartaster bzw. -palpen und zwei Kauladen, der Außenlade (Galea) und der Innenlade (Lacinia). Die Unterlippe besteht aus einem basalen, flachen Mittelteil, der durch die Labialnaht in ein Postlabium oder Postmentum (Submentum und Mentum) und ein Prälabium oder Prämentum unterteilt ist. Das Prämentum trägt seitlich die Lippen- oder Labialtaster bzw. -palpen und distal die Zungen (Glossae) und die Nebenzungen (Paraglossae); letztere beiden können zu einer Ligula verschmelzen. Von den beißend-kauenden M., die u.a. bei den Käfern (Coleoptera), Netzflüglern (Planipennia), Libellen (Odonata), Termiten (Isoptera) und vielen Insektenlarven vorkommen, lassen sich alle anderen Typen der Insekten-M. ableiten. ( vgl. Abb. )

Der Typus der leckend-saugenden M. besteht bei den höheren Hautflüglern (Hymenoptera) aus einem komplizierten, vorstreckbaren Saugrüssel, der von den stark verlängerten Außenladen der Unterkiefer und den zu einer langen behaarten Zunge verwachsenen Glossae der Unterlippe gebildet wird. Während die Oberlippe wie die Oberkiefer normal ausgebildet sind, erfahren die Innenladen und die Nebenzungen eine starke Rückbildung. Die höchstentwickelte Form der leckend-saugenden M. besitzen die höheren Schmetterlinge (Lepidoptera). Der in Ruhestellung aufgerollte Saugrüssel besteht aus den stark verlängerten Außenladen, die auf der Innenseite ringförmig ausgehöhlt sind und zusammengelegt ein Rohr ergeben. Ihre Labialtaster sind nicht zurückgebildet.

Den Typ der stechend-saugenden M. findet man u.a. bei den Tierläusen (Phtiraptera), den Wanzen (Heteroptera), vielen Zweiflüglern (Diptera) und den Flöhen (Siphonaptera). An der Rüsselbildung z.B. der Wanzen beteiligen sich außer den M. die stark verlängerte Oberlippe und als weitere Teile des Kopfes die Mandibular- und Maxillarplatten. Den größten Teil des Rüssels nimmt die röhrenförmige, vorn offene Unterlippe ein, welche die zu Stechborsten umgewandelten Ober- und Unterkiefer umschließt. Während die mandibularen Stechborsten an der Spitze gezähnt sind, endigen die maxillaren Stechborsten mit glatter Spitze und tragen auf der Innenseite je zwei Rinnen, die zusammengelegt das größere dorsale Saugrohr und das kleinere ventrale Speichelrohr ergeben. Alle Taster fehlen.

Bei den stechend-saugenden M. der Stechmücken (Culicidae) liegen die Stechborsten ebenfalls in der Gleitrinne der Unterlippe. Das Saugrohr wird hier jedoch aus der unten rinnenförmig ausgehöhlten und langgestreckten Oberlippe gebildet, und das Speichelrohr liegt im Innern des ebenfalls stark verlängerten Hypopharynx, einer zungenförmigen Vorstülpung des weichhäutigen Mundfeldes. Die Maxillarpalpen sind gut entwickelt. Den höheren Fliegen (Brachycera), wie z.B. der Stubenfliege (Musca domestica, Fam. Muscidae), fehlen die Mandibeln und ersten Maxillen. Der Rüssel wird von der stark entwickelten Unterlippe gebildet, die in einer oberen Rinne das aus der Oberlippe gebildete Saugrohr und das im Hypopharynx liegende Speichelrohr trägt und spitzenwärts in ein mächtig entwickeltes weichhäutiges Gebilde, das Haustellum, ausläuft. Die Maxillartaster sind gut entwickelt.

Sehr einfache M. besitzen die Spinnen (Arachnida). Das erste Paar, die Cheliceren, bestehen aus einem Grundglied und einer zum Grundglied einschlagbaren Klaue, an deren Spitze die Giftdrüse ausmündet. Das zweite Paar, die Pedipalpen, sind bei manchen Spinnen noch beinartig entwickelt, bei den Webspinnen tasterartig klein und dienen bei männlichen Tieren als komplizierter Kopulationsapparat.



Mundgliedmaßen: 1 beißend-kauende Mundgliedmaßen der Schabe (Blattariae), 2 lecken-saugende Mundgliedmaßen der Honigbiene (Apis mellifera), 3 leckend-saugende Mundgliedmaßen eines Schmetterlings, 3a Seitenansicht, 4 stechend-saugende Mundgliedmaßen einer Wanze, 5 stechend-saugende Mundgliedmaßen einer Stechmücke, 6 Fliegenrüssel (2a, 3b, 4a und 4b sowie 5a und 6a zeigen jeweils einen Querschnitt durch die angegebene Stelle)

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Dr. Daniel Dreesmann, Köln (Grün ist die Hoffnung - durch oder für Gentechpflanzen?)
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Professor Manfred Dzieyk, Karlsruhe (Reproduktionsmedizin - Glück bringende Fortschritte oder unzulässige Eingriffe?)
Professor Dr. Gerhard Eisenbeis, Mainz (Lichtverschmutzung und ihre fatalen Folgen für Tiere)
Dr. Oliver Larbolette, Freiburg (Allergien auf dem Vormarsch)
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Professor Dr. Wilfried Wichard, Köln (Bernsteinforschung)

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