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Kompaktlexikon der Biologie: Reproduktionsmedizin - Glück bringende Fortschritte oder unzulässige Eingriffe?

ESSAY

Prof. Manfred Dzieyk, Pädagogische Hochschule Karlsruhe

Reproduktionsmedizin – Glück bringende Fortschritte oder unzulässige Eingriffe?

Frühe Einflussnahmen

Der Mensch hat schon sehr früh versucht, in die natürlichen Fortpflanzungsvorgänge einzugreifen, sowohl zur Liebes- und Fruchtbarkeitssteigerung als auch zur Empfängnisverhütung, durch allerlei Zaubertränke, Beschwörungen, Riten, durch erlaubte Abtreibungen und Kindstötung oder durch deren Verbot bis zur Bedrohung mit der Todesstrafe. Dies gilt für viele Kulturen und Zeiten, wobei die Ansichten über gut und verwerflich zeitabhängig schwankten. Kinderlosigkeit war jedoch meist ein Makel. In Europa wurde seit dem 13. Jh. bis hinein ins 17. Jh. auch einem Wunschtraum nachgehangen: man wollte einen künstlichen, daumengroßen Menschen, einen Homunculus, auf chemischem Wege aus Sperma, Blut und Urin erzeugen.

Große Fortschritte und die Folgen

Ab dem 19. Jh. machte die Medizin große Fortschrit-te, u.a. mit der Entdeckung der Bedeutung der Hygiene und der Hormone. Aber in der zweiten Hälfte des 20. Jh. wurden die Möglichkeiten der Steuerung der Fortpflanzung und damit die Sexualität revolutioniert:

1) Mit der Antibabypille wurde erstmals lebenslang eine 100%ige Abkoppelung der Fortpflanzung vom Sexualverkehr möglich, was vorher nur durch Sterilisation oder Kastration zu erreichen war, und

2) durch Verfahren der assistierten Reproduktion wurde umgekehrt Fortpflanzung (schon mit der künstlichen Insemination) ohne jeglichen Sexualverkehr möglich, bei Anwendung der Intracytoplasmatischen Spermien-Injektion (ICSI) sogar ohne Sexualhandlung auch des Mannes.

Zwei Meilensteine markieren den Weg der Reproduktionsmedizin: 1968 die erste gelungene Befruchtung einer menschlichen Eizelle in einer Petrischale (In-vitro-Fertilisation, IVF) und im Juli 1978 in Großbritannien die weltweit erste Geburt eines auf diese Art und Weise gezeugten Kindes: Louise Brown, die im Juli 2001 ihren 23. Geburtstag feierte. Die medizinischen Fortschritte sind seitdem rasant: 1984 wurde in Australien das erste Kind geboren, das nach einer IVF als Embryo eine Zeit lang tiefgefroren war, 1990 das erste Kind nach einer Präimplantationsdiagnostik (PID) auf schwere Krankheiten, im Jahr 1992 gelang die erste erfolgreiche ICSI und 1997 wurde das erste Baby mit zwei Müttern geboren. In die befruchtete Eizelle wurde den Genen der Eltern eine geringe Menge Genmaterial einer zweiten jüngeren Frau eingespritzt, damit wurden die Keimbahnzellen manipuliert. Und im Sommer 2001 schließlich wurde bekannt, dass Forscher an mehreren Orten in der Welt mit Hilfe von bezahlten Eispenderinnen Embryonen nur zu Forschungszwecken hergestellt, ihnen Zellen für Stammzellkulturen entnommen und sie dann vernichtet haben, also menschliche Embryonen zum Verbrauch erzeugt haben. Es steht zu erwarten, dass auch bald irgendwo Embryonen oder sogar erwachsene Menschen geklont werden, da die Absicht trotz weltweiten Protestes schon mehrfach angekündigt wurde.

Inzwischen gibt es durch Hormonbehandlungen ohne und mit IVF etwa 20- bis 25-mal mehr Mehrlingsgeburten gegenüber der Spontanrate von etwa 1,2 % aller Geburten, bis hin zu Neunlingen. Mindestens ab Vierlingen haben die Kinder starkes Untergewicht, müssen vorzeitig entbunden werden und sind als „Frühchen“ nur z.T. lebensfähig. Es gibt durch IVF gezeugte Kinder von anonymen Vätern, von schon vor der Zeugung geschiedenen oder verstorbenen Vätern, von durch Verwechslung oder Vermischung von Spendersamen nicht gewollten Vätern, Kinder, die von lesbischen Frauen geboren wurden. Weibliche und männliche Models und Muskelmänner bieten über Agenturen im Internet gegen Bezahlung ihre Keimzellen für „schöne“ Kinder an, Firmen bieten im Internet die Beratung und Vermittlung von Keimzellen von „familienähnlichen“ Männern und Frauen an (nach Kriterien wie Aussehen, Beruf, Hobbys usw.). Eizellen (Oocyten), Sperma, Vorkernstadien und Embryonen werden in „Banken“ tiefgefroren aufbewahrt und können jederzeit verwendet werden. Mit der Präimplantationsdiagnostik (PID) können Embryonen verworfen werden, bei denen schwere Genschäden festgestellt wurden, jedoch müssen dann von vornherein mehr als drei Embryonen erzeugt werden, um drei übertragen zu können. Es gibt Leihmütter, die für andere ihr Kind austragen und es gibt inzwischen mehrere Frauen über sechzig, die z.T. schon selbst Großmütter sind, deren Gebärmutter mittels Hormonbehandlung reaktiviert wurde, und die ein Kind ausgetragen haben, wobei die Eizelle von einer jüngeren Frau, z.T. der eigenen Tochter stammte.

Damit ist einiges genannt, was heute schon möglich ist und auch getan wird. Es ist nicht abzusehen, welche Methoden zu den vielen Möglichkeiten noch dazu kommen werden. Vielleicht gibt es auch irgendwann die Möglichkeit der Entwicklung eines Kindes bis zur „Geburt“ ohne Schwangerschaft einer Frau? Der Mensch schickt sich jedenfalls an, die Fortpflanzung weg von dem natürlichen, emotionalen und zwischenmenschlichen Handeln immer mehr zu einem künstlichen Verfahren im Labor werden zu lassen. Vieles davon ist in Deutschland zwar (noch?) verboten, aber Tatsache ist, dass die ethisch-moralische Bewertung und das demokratische Gesetzgebungsverfahren den in verschiedensten Ländern der Welt ständig neu gesetzten Fakten, den immer neuen Dammbrüchen, hoffnungslos hinterherhinken. Die Gesetzeslage ist dabei selbst in den europäischen Ländern sehr unterschiedlich.

Sind das alles segensreiche Fortschritte zur Erfüllung eines Kinderwunsches?

Heute sind bei uns 10 bis 15 % der Paare trotz regelmäßigen ungeschützten Geschlechtsverkehrs über ein Jahr ungewollt kinderlos. Die Ursachen dafür liegen zu je 40 % bei der Frau oder beim Mann allein und zu 20 % bei beiden. Gründe dafür gibt es vielfältige: sie können im körperlichen Bereich liegen, in der Aufnahme von Giftstoffen aus der Umwelt und durch Medikamenten-, Alkohol- und Tabakmissbrauch sowie im psychischen Bereich. Beide Partner können sogar voll fertil sein, aber sie passen durch eine physiologische Partner-Inkompatibilität nicht zusammen (z.B. verhindern die Genitalsekrete der Frau oder auch Spermien-Antikörper eine Befruchtung).

Dass die Zahl der kinderlos bleibenden Paare zunimmt liegt aber auch daran, dass viele Frauen mit gutem Recht nach ihrer Ausbildung erst einmal berufliche Fortschritte machen möchten und unsere Gesellschaft den Wunsch nach Beruf und Kindern immer noch wenig unterstützt. Aber es gibt auch zunehmend Frauen und Paare, die erst einmal das Leben frei genießen und dann in den dreißiger Lebensjahren oder erst jenseits der Vierzig ihren Kinderwunsch erfüllen wollen. Biologisch optimal wäre es, wenn Frauen zwischen etwa neunzehn Jahren und Mitte/Ende zwanzig ihre Kinder bekommen, weil der Körper dies dann am besten leisten kann und die Fruchtbarkeit groß ist. Sie nimmt jenseits der Dreißig zunehmend und jenseits der Vierzig rapide ab, da die Zahl der Zyklen mit einer befruchtungsfähigen Eizelle (genauer Oozyte) immer geringer wird. Außerdem steigt bei jeder Frau ab etwa Anfang dreißig das Risiko, ein behindertes Kind zu bekommen, kontinuierlich an, für Männer als Vater scheint das erst jenseits der Fünfzig der Fall zu sein. Und die IVF wird bei mehrmaliger Wiederholung für die meisten Frauen zu einer körperlichen und psychischen Tortur.

Wie und wann wahrt die Reproduktionsmedizin die Würde des Menschen?

Menschliches Leben beginnt mit der Befruchtung: Wenn die beiden Zellkerne der Keimzellen miteinander verschmolzen sind, hat mit der Zygote, die den vollen Genbestand besitzt, biologisch-medizinisch gesehen die Entwicklung eines Kindes begonnen. Schon die Zygote ist folgerichtig durch das deutsche Embryonenschutzgesetz geschützt, die Keimzellen und das Vorkern- oder Pronucleusstadium noch nicht.

Die katholische Kirche spricht sogar ab der Zygote vom Beginn der Person. Damit ist für sie die Entscheidung über das Für und Wider der Methoden einfach: Es ist alles verboten, was den natürlichen Geschlechtsakt innerhalb der Ehe zur Zeugung eines Kindes ersetzen soll, weil es nach ihrer Meinung die Würde des Menschen verletzt. Das trifft für sie bereits für die homologe Insemination zu, zumal die Gewinnung des Spermas durch Masturbation geschieht. Erst recht verbietet sie jegliche extrakorporale Befruchtung, das Töten oder Einfrieren von Embryonen, die PID, weil sie einen verletzenden Eingriff in den Embryo bedeutet und selbst die vorgeburtliche, pränatale Diagnostik (PD oder PND) erlaubt sie nur zur Unterstützung der ärztlichen Bemühungen um Leben und Gesundheit des Kindes und um die Eltern gegebenenfalls frühzeitig auf das Leben mit einem behinderten Kind vorbereiten zu helfen. Sie ist jedoch nicht erlaubt mit dem Ziel eugenischer Überlegungen, und jegliche Abtreibung wird grundsätzlich verurteilt. In schweren Konfliktfällen müssen dann aber doch Ausnahmen zugelassen werden, für die jeweils Kriterien gefunden werden müssen, z.B. wenn das ungeborene Kind wegen der Lebensgefahr für die Mutter geopfert werden soll oder wenn nicht beide überleben können.

Für diese strenge Auffassung gibt es in unserer Gesellschaft keinen allgemeinen Konsens. Namhafte Ethiker und Moraltheologen, auch katholische, begründen, dass sich die verschiedensten Definitionen der Person seit dem Mittelalter bis in die Gegenwart wenig eignen, die anstehenden Fragen der ethischen Bewertung der Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin zu lösen. Man muss wohl eine graduelle Wertigkeit des vorgeburtlichen menschlichen Lebens über seine Entwicklungsstufen anerkennen. Es ist ein Unterschied, ob eine Zygote, ein Embryo im Stadium der Blastocyste stirbt (was beides wahrscheinlich bei natürlicher Fortpflanzung zu 30 bis 50 % geschieht), oder ob ein Kind im zweiten oder achten Monat stirbt oder abgetrieben wird.

Allerdings darf in unserer heutigen säkularisierten Welt, in der Individualrecht, Hedonismus und Kommerz das Leben weithin bestimmen und überkommene Traditionen und Werte nicht mehr einfach übernommen werden, die ethische Beurteilung verschiedener Methoden auch nicht einfach nach pragmatischen und egoistischen, interessenabhängigen und merkantilen Gesichtspunkten beliebig werden. Die Enquetekommission des Bundestages und der Nationale Ethikrat der Bundesregierung (seit Frühjahr 2001) sollen ein neues Fortpflanzungsmedizingesetz vorbereiten helfen, das weiterhin die Würde des Menschen wahren soll.

Besonders problematische Eingriffe in die Zeugung und Entwicklung eines Kindes

Die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin dürfen nicht zur freien Bedienung wie in einem Warenhaus zur Verfügung stehen. Meines Erachtens sollte die ICSI auf die medizinisch notwendigen Fälle beschränkt und nicht, wie es heute schon geschieht, zur Routine werden, bis wirklich sichere Aussagen über die Unbedenklichkeit in Bezug auf kindliche Schäden gegeben sind. Denn bei dieser Methode bleibt die Selektion der Spermien in den weiblichen Organen aus und die Spermien können nur nach ihrer Motilität beurteilt werden. Die PID, mit der nur wenige genetische Schäden gefunden werden können, sollte ebenfalls nur in sehr gut begründeten Ausnahmefällen zugelassen werden, nicht als Routine oder gar für ein Wunschgeschlecht. Wenn ich an das Wohl des Kindes denke, verbieten sich für mich die Befruchtung mit Sperma eines verstorbenen oder anonymen Mannes und die IVF bei Frauen weit jenseits der Wechseljahre mit einer Eispende.

Darüber hinaus sollten meiner Ansicht nach manche Dinge für immer verboten sein: Ei-, Samen- und Embryospende gegen Geld und die Leihmutterschaft, die Erzeugung von menschlichen Embryonen zur Gewinnung von embryonalen Stammzellen (direkt oder durch therapeutisches Klonen) und die Forschung an menschlichen Embryonen, da diese Verfahren mit Verletzung und Verbrauch von Embryonen verbunden sind, sowie genetische Eingriffe in die Keimbahn oder einen Embryo.

Es gibt kein Recht auf ein Kind, schon gar nicht um jeden Preis und auch nicht auf ein gesundes, nicht behindertes Kind. Und es darf nicht dazu kommen, dass in unserer Gesellschaft Kinder mit Behinderungen wieder als nicht lebenswert gelten.

Es gibt auch kein Recht auf Gesundung oder Lebenserhaltung eines kranken Menschen auf Kosten eines anderen. Das Ziel, Gewebe und Organe aus embryonalen Stammzellen zur Übertragung auf einen Patienten zu züchten, greift aber in diesem Bereich. Stattdessen sollten die Forschungen an adulten Stammzellen und den sich ergebenden Möglichkeiten intensiviert werden. (siehe auch Essay: Die Forschung an embryonalen Stammzellen)

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  • Die Autoren

Redaktion:
Dipl.-Biol. Elke Brechner (Projektleitung)
Dr. Barbara Dinkelaker
Dr. Daniel Dreesmann

Wissenschaftliche Fachberater:
Professor Dr. Helmut König, Institut für Mikrobiologie und Weinforschung, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Professor Dr. Siegbert Melzer, Institut für Pflanzenwissenschaften, ETH Zürich
Professor Dr. Walter Sudhaus, Institut für Zoologie, Freie Universität Berlin
Professor Dr. Wilfried Wichard, Institut für Biologie und ihre Didaktik, Universität zu Köln

Essayautoren:
Thomas Birus, Kulmbach (Der globale Mensch und seine Ernährung)
Dr. Daniel Dreesmann, Köln (Grün ist die Hoffnung - durch oder für Gentechpflanzen?)
Inke Drossé, Neubiberg (Tierquälerei in der Landwirtschaft)
Professor Manfred Dzieyk, Karlsruhe (Reproduktionsmedizin - Glück bringende Fortschritte oder unzulässige Eingriffe?)
Professor Dr. Gerhard Eisenbeis, Mainz (Lichtverschmutzung und ihre fatalen Folgen für Tiere)
Dr. Oliver Larbolette, Freiburg (Allergien auf dem Vormarsch)
Dr. Theres Lüthi, Zürich (Die Forschung an embryonalen Stammzellen)
Professor Dr. Wilfried Wichard, Köln (Bernsteinforschung)

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