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Kompaktlexikon der Biologie: Reptilia

Reptilia, Reptilien, Kriechtiere, nach herkömmlicher Systematik Klasse der Wirbeltiere mit über 6000 rezenten Arten und ca. 1000 fossilen Gatt. in vier Ord., den Schildkröten (Chelonia, Testudines ( vgl. Abb. ), den Schnabelköpfen (Rhynchocephalia), den Krokodilen (Crocodylia ( vgl. Abb. ) sowie den Squamata mit den Echsen (Sauria, Lacertilia) und Schlangen (Serpentes ( vgl. Abb. ). Nach der phylogenetischen Systematik sind die R. keine monophyletische, sondern eine paraphyletische Gruppe, da die Krokodile mit den (als eigene Klasse geführten) Vögeln näher verwandt sind (Schwestergruppe). R. sind fast weltweit (Ausnahme: Polargebiete), besonders aber in den Subtropen und Tropen verbreitet.

Ihre Größe variiert von 0,04 – 10 m. Die trockene Haut ist drüsenarm, mit stark verhornten Schuppen und Schildern (im Unterschied zu den Amphibia), die oft mit Knochenplatten unterlegt sind. Eine zuweilen charakteristische Hautfärbung dient der Tarnung oder als auffälliges Signal (Chamaeleonidae, Agamidae, Iguanidae können Farbe sehr schnell wechseln, Farbwechsel). Die Hornschicht wird von Zeit zu Zeit als Ganzes („Natternhemd“) oder fetzenweise abgestreift, bei Krokodilen und Schildkröten erfolgt nur eine Abschilferung. Die Reptilien sind wechselwarme, lungenatmende Landbewohner, mit Ausnahme der sekundär zum Wasserleben übergegangenen Meeresschildkröten und Seeschlangen. Das Skelett ist fast vollständig verknöchert, die Zahl der Wirbel unterschiedlich (knapp über 30 bei Schildkröten, bis über 400 bei Schlangen). Der meist ziemlich massige Schädel ist durch unpaare Gelenkhöcker mit der Wirbelsäule verbunden. Zähne sind oft in beträchtlicher Zahl vorhanden, und zwar nicht nur auf den Kieferknochen, sondern gelegentlich auch auf den Gaumen- (Palatina), Pflugschar- (Vomeres) und Flügelbeinen (Pterygoidea); lediglich die Schildkröten besitzen anstelle von Zähnen einen Schnabel mit Hornscheiden. Die Zähne stehen auf den Kieferrändern (akrodont) oder einwärts von ihnen (pleurodont), bei Krokodilen in Gruben (Alveolen) eingesenkt (thekodont); bei Schlangen können einzelne Zähne als Giftzähne ausgebildet sein. Besonders bei den Squamata sind die Kiefer sehr beweglich, sodass sie selbst große Beutetiere verschlingen können. Gesichts- und Geruchssinn (oft mit Jacobson-Organ) sind ausgezeichnet entwickelt. Die Augen besitzen bewegliche Lider, außer bei den Schlangen und einigen Echsen, bei denen ein Fenster aus durchsichtiger Haut die Hornhaut wie eine Brille bedeckt. Schildkröten, Brückenechsen (einzige rezente Art der Schnabelköpfe), Krokodile und die Mehrzahl der Echsen sind vierfüßig, meist mit je fünf seitwärts gerichteten, in der Regel bekrallten Zehen. Reptilien bewegen sich kriechend oder kletternd fort; fehlen die Gliedmaßen (wie z.B. bei den Schlangen und der Blindschleiche), geschieht die Fortbewegung durch Schlängeln. Verloren gegangene Körperteile (z.B. der Schwanz von Eidechsen, Autotomie) können teilweise regeneriert werden.

Der Verdauungsgang mündet in eine Kloake. Die Männchen besitzen bis auf die Brückenechse ein Begattungsorgan. R. sind meist Eier legend, die Eier sind dotterreich und recht groß, mit pergamentartiger oder kalkhaltiger Schale. Einige Arten sind lebendgebärend (ovovivipar), so z.B. Blindschleiche, Waldeidechse (Lacertidae), Kreuzotter, Aspisviper, Sandotter (Viperidae). Außer in ihrer Größe (selten in der Färbung) unterscheiden sich die Jungtiere nur unwesentlich von den Erwachsenen. Reptilien ernähren sich überwiegend von unterschiedlicher tierischer Beute, seltener von Pflanzenstoffen. Schildkröten und Krokodile dürften mit zu den Tieren gehören, die die höchsten Lebensalter erreichen (über 100 Jahre), hingegen werden Echsen und Schlangen, außer in der Gefangenschaft, kaum zehn Jahre alt.

Die Reptilien traten erstmals im Oberkarbon (vor etwa 300 Millionen Jahren) auf und erreichten ihre stammesgeschichtliche Blütezeit mit zum Teil riesigen Formen (Dinosaurier) im Erdmittelalter (Trias bis Kreide), gefolgt von einem Massenaussterben am Ende der Kreidezeit.

In Deutschland sind die Bestände der zwölf einheimischen Reptilien-Arten nach der Roten Liste nahezu in ihrer Gesamtheit im Rückgang begriffen und fünf von ihnen (Äskulap- und Würfelnatter, Aspisviper, Smaragdeidechse, Europäische Sumpfschildkröte) sind vom Aussterben bedroht, Mauereidechse und Kreuzotter stark gefährdet. Laut einer Untersuchung des Europarates sind heute 45 % der europäischen Reptilien unmittelbar vom Aussterben bedroht. Trotz vieler positiver Initiativen auf internationaler Ebene fehlen in vielen Ländern entsprechende Verordnungen, oder sie werden durch Wilddieberei unterlaufen. Aus der Haut von Alligatoren, Krokodilen, Eidechsen und Riesenschlangen wird das wertvolle Reptilleder hergestellt, die Echte Karettschildkröte liefert das Schildpatt, die Suppenschildkröte die Grundsubstanz für eine echte Schildkrötensuppe, und das Fleisch bzw. die Eier von Meeresschildkröten gelten als Delikatesse. (Blutkreislauf, Lunge, Tetrapoda, Washingtoner Artenschutzübereinkommen)

Literatur: Böhme, W.: Handbuch der Reptilien und Amphibien Europas, 5 Bde., Wiesbaden ab 1981. –

Grzimeks Tierleben, Bd. 6., München 21980. – Günther, R.: Die Amphibien und Reptilien Deutschlands, Heidelberg 1996. – Salamandra, Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde e.V., Frankfurt/M. ab 1965. – Wermuth, H., Mertens, R.: Schildkröten, Krokodile, Brückenechsen, Stuttgart 1996.



Reptilia: Bauplan eines Krokodils (Crocodylia)



Reptilia: Bauplan einer Schlange (Serpentes) am Beispiel der Ringelnatter (Natrix natrix)



Reptilia: Skelett einer Schildkröte (Chelonia) am Beispiel der Europäischen Sumpfschildkröte (Emys orbicularis); Ansicht von der Unterseite nach Entfernen des Plastrons

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Dr. Daniel Dreesmann

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Professor Dr. Walter Sudhaus, Institut für Zoologie, Freie Universität Berlin
Professor Dr. Wilfried Wichard, Institut für Biologie und ihre Didaktik, Universität zu Köln

Essayautoren:
Thomas Birus, Kulmbach (Der globale Mensch und seine Ernährung)
Dr. Daniel Dreesmann, Köln (Grün ist die Hoffnung - durch oder für Gentechpflanzen?)
Inke Drossé, Neubiberg (Tierquälerei in der Landwirtschaft)
Professor Manfred Dzieyk, Karlsruhe (Reproduktionsmedizin - Glück bringende Fortschritte oder unzulässige Eingriffe?)
Professor Dr. Gerhard Eisenbeis, Mainz (Lichtverschmutzung und ihre fatalen Folgen für Tiere)
Dr. Oliver Larbolette, Freiburg (Allergien auf dem Vormarsch)
Dr. Theres Lüthi, Zürich (Die Forschung an embryonalen Stammzellen)
Professor Dr. Wilfried Wichard, Köln (Bernsteinforschung)

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