Direkt zum Inhalt

Kompaktlexikon der Biologie: Scyphozoa

Scyphozoa, Scheibenquallen, Taxon der Nesseltiere (Cnidaria) mit etwa 200 marinen Arten. Die größte Art, Cyanea capillata, erreicht 2 m Durchmesser. Scyphozoa treten in der Regel in zwei Morphen auf (Polyp und Meduse = Qualle), die beide einen charakteristischen Bau aufweisen und über einen Generationswechsel (Metagenese) miteinander verbunden sind. Bei manchen Arten ist jedoch die Polypengeneration ganz unterdrückt.

Körperbau. Der Scyphopolyp ist klein (1 – 7 mm) und i.Allg. solitär lebend. Er besteht aus Rumpf und Mundscheibe, die von einem Kranz Tentakel umgeben ist. Der zentrale Gastralraum ist durch vier Septen (Radialsepten) in vier Taschen (Gastraltaschen) untergliedert ( vgl. Abb. ). Von der Mundscheibe her stülpt sich in jedes Septum Ektodermmaterial ein (Septaltrichter) und setzt sich über einen Muskel bis zur Fußscheibe fort, die gemeinsam eine Kontraktion des Polypen ermöglichen. Scyphopolypen leben meist im flachen Wasser auf dem Untergrund festgeheftet. Sie ernähren sich von Plankton. Sie pflanzen sich ungeschlechtlich durch Knospung an der Rumpfwand oder einem Fortsatz fort (dabei entstehen neue, solitäre Polypen) sowie durch Querteilung im Bereich der Mundscheibe (Strobilation), wobei junge Medusen, die Ephyra-Stadien, entstehen. Die Tentakel werden eingeschmolzen, und es wachsen acht Randlappen aus, die je ein Sinnesorgan (Rhopalium; Sinneskolben) enthalten. Nachdem auch die Gastralsepten mehr oder weniger verschwunden sind, löst sich die erste junge Meduse ab. Sie entwickelt sich zur Scyphomeduse. Diese ist durch entodermale Gonaden, zellhaltige Mesogloea, Fehlen eines Velums und ihre Größe charakterisiert. Der Schirm der Scyphomedusen kann hoch aufgewölbt (Wurzelmundquallen, Tiefseequallen) oder flach (Fahnenquallen) sein ( vgl. Abb. ). Er entsteht dadurch, dass zwischen den acht Randlappen der Ephyra acht Velarlappen auswachsen und mit diesen mehr oder weniger verschmelzen. Der Mund der Scyphomedusen ist i.d.R. in vier lange Mundlappen ausgezogen. Er führt in einen zentralen Magen, der bei den ursprünglichen Arten durch vier Septen, an denen Gastralfilamente sitzen, unterteilt ist (sie stammen noch vom Polypen). Bei den großen Arten führen stark verzweigte Radiärkanäle zu einem am Schirmrand verlaufenden Ringkanal (Gastrovaskularsystem).

Fortpflanzung und Entwicklung. Die Scyphomedusen sind die geschlechtliche Generation der S. Die vier Gonaden sind entodermal und hängen entweder in den Magen hinein oder, bei großen Arten, bruchsackartig neben den Mundarmen nach außen. Unter den Gonaden befindet sich auf der Subumbrella je eine Höhlung (Subgenitalhöhle), die den Septaltrichtern des Polypen entsprechen. Die Geschlechtsprodukte der meist getrenntgeschlechtlichen Scyphomedusen werden über den Mund ins Wasser abgegeben. Bei vielen Arten findet sich Brutpflege, indem die Eier sich im Ovar oder zwischen den Mundarmen entwickeln und erst Planula-Larven freigegeben werden.

Mit Hilfe rhythmischer Schwimmbewegungen (Antagonisten: Subumbrella-Ringmuskeln, Eigenelastizität der Mesogloea), die von Ganglienzellhaufen neben den Sinneskörpern am Schirmrand gesteuert werden, können die Scyphomedusen aktiv schwimmen (Ausnahme sind die Stauromedusida). Die meisten Arten sind Räuber, die mit Hilfe ihrer cnidenbesetzten Tentakeln und Mundarme andere Quallen, Fische, Krebse usw. erbeuten. Die Wurzelmundquallen sind Kleinpartikelfresser.

Zu den S. gehören die Kranzquallen (Coronata), die als die Gruppe der S. mit den ursprünglichsten Merkmalen angesehen wird und bei denen das Peridermgehäuse der Polypen an die fossilen Conulata (mittleres Kambrium bis obere Trias) erinnert. Während die Zugehörigkeit der halbsessilen Becher- oder Stielquallen (Stauromedusida) zu den S. umstritten ist, werden die Wurzelmundquallen (Rhizostomea) und die Fahnenquallen (Semaeostomea) eindeutig als abgeleitet betrachtet und aufgrund ihrer nahen Verwandtschaft als Schwestergruppen angesehen, die oft als „Discomedusae“ zusammengefasst werden.

Literatur: Heeger, T.: Quallen. Gefährliche Schönheiten, Stuttgart 1998.



Scyphozoa: Schema eines Scyphopolypen



Scyphozoa: Schema einer Scyphomeduse

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

  • Die Autoren

Redaktion:
Dipl.-Biol. Elke Brechner (Projektleitung)
Dr. Barbara Dinkelaker
Dr. Daniel Dreesmann

Wissenschaftliche Fachberater:
Professor Dr. Helmut König, Institut für Mikrobiologie und Weinforschung, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Professor Dr. Siegbert Melzer, Institut für Pflanzenwissenschaften, ETH Zürich
Professor Dr. Walter Sudhaus, Institut für Zoologie, Freie Universität Berlin
Professor Dr. Wilfried Wichard, Institut für Biologie und ihre Didaktik, Universität zu Köln

Essayautoren:
Thomas Birus, Kulmbach (Der globale Mensch und seine Ernährung)
Dr. Daniel Dreesmann, Köln (Grün ist die Hoffnung - durch oder für Gentechpflanzen?)
Inke Drossé, Neubiberg (Tierquälerei in der Landwirtschaft)
Professor Manfred Dzieyk, Karlsruhe (Reproduktionsmedizin - Glück bringende Fortschritte oder unzulässige Eingriffe?)
Professor Dr. Gerhard Eisenbeis, Mainz (Lichtverschmutzung und ihre fatalen Folgen für Tiere)
Dr. Oliver Larbolette, Freiburg (Allergien auf dem Vormarsch)
Dr. Theres Lüthi, Zürich (Die Forschung an embryonalen Stammzellen)
Professor Dr. Wilfried Wichard, Köln (Bernsteinforschung)

Partnervideos