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Kompaktlexikon der Biologie: tropischer Regenwald

tropischer Regenwald, im Wesentlichen auf die äquatoriale Zone beschränktes, artenreichstes terrestrisches Biom, dessen Klima gekennzeichnet ist durch kaum schwankende Temperaturen (im Mittel zwischen 24 und 28 °C) und eine jährliche Niederschlagsmenge von 2000 bis über 6000 mm, meist ohne ausgeprägte Trockenzeit. Charakteristisch ist ein ausgeprägtes Tageszeitenklima mit Temperaturschwankungen von bis zu 12 °C. Die Luftfeuchtigkeit kann nach den täglichen Regengüssen annähernd 100 % betragen und bei starker Sonneneinstrahlung auf bis zu 25 % absinken. Die nährstoffarmen Böden mit einem außerordentlich geringen Gehalt an Calcium, Stickstoff und Phosphor sind meist Roterden (Latosol). Fast das gesamte Nährstoffpotenzial dieses Ökosystems ist in der üppigen Vegetation enthalten, abgestorbene Pflanzenteile werden – begünstigt durch das Klima – rasch wieder mineralisiert und von dem oberflächlich angelegten Wurzelsystem der Regenwaldbäume wieder aufgenommen. Eine wirtschaftliche Nutzung der Tropenwälder durch Rodung führt demnach zu einer schnellen Mineralisierung und anschließender Auswaschung der Nährstoffe aus dem Boden, die damit unwiederbringlich verloren sind.

Da das flache Wurzelsystem keine ausreichende Verankerung der Bäume im Boden gewährleistet, haben sich vielfach Brettwurzeln zur Abstützung ausgebildet. An besonders nassen Standorten ist auch die Ausbildung von Stelzwurzeln typisch. Als Anpassung an den täglichen Wechsel zwischen Strahlungsintensität und Regengüssen sind die Blätter glatt, lederartig und mit einer Träufelspitze versehen. Häufig findet man unter den klimatischen Bedingungen des Regenwalds eine Laubausschüttung, das Flächenwachstum der Blätter erfolgt sehr rasch. Da das Festigungsgewebe und auch das Chlorophyll erst allmählich gebildet werden, sind diese neuen Blätter zunächst weißlich und hängen schlapp nach unten. Die bei Regenwaldbäumen der unteren Baumschicht ebenfalls häufige Cauliflorie wird als Anpassung an die Bestäubung durch Fledermäuse gewertet.

Man unterscheidet den artenärmeren Tiefland-Regenwald vom höher gelegenen Gebirgsregenwald in nebelreichen Lagen. Ab etwa 2500 bis 4000 m werden die montanen Regenwälder von den subalpinen Nebelwäldern abgelöst. Das dichte Kronendach des Tiefland-Regenwalds erlaubt wegen des geringen Lichteinfalls nur einen geringen Unterwuchs, während im lichteren Gebirgsregenwald eine Vielzahl von Sträuchern, Kräutern, Epiphyten und Lianen (Kletterpflanzen) mit deutlicher Schichtung zu finden ist. Unter den Epiphyten findet man zahlreiche Farne, in Südamerika aber auch eine Vielzahl Ananas-Gewächse (Bromeliaceae), Orchideen (Orchidaceae) und sogar Vertreter der Kakteen (Cactaceae). Auch das Vorkommen so genannter Hemiepiphyten ist häufig. Darunter versteht man Pflanzen, die zunächst als Epiphyten keimen, später aber Luftwurzeln ausbilden, die den Boden erreichen. Hierzu gehören die Würgerbäume, deren Luftwurzeln den Tragstamm umgeben, ihn am Dickenwachstum hindern und so zum Absterben bringen. Das Luftwurzel-Gerüst wird dann zum Stammsystem eines selbstständigen Baumes. Die Artendichte ist sehr hoch (im Durchschnitt 100 bis 200 Arten pro Hektar) und kann in Extremfällen bis zu 400 Arten pro Hektar betragen, die Individuendichte ist jedoch sehr gering und erfordert daher effektive Bestäubungs- und Verbreitungsmechanismen. ( vgl. Abb. )

Die Schichtung des Waldes führt zu einer Vielzahl verschiedener Biotope mit unterschiedlichen mikroklimatischen Bedingungen, die Lebensraum für eine unüberschaubare Anzahl tierischer Lebewesen bietet. Bemerkenswert ist, dass einzelne Baumarten über spezielle Tiergesellschaften verfügen, die mehrere Tausend Arten umfassen können. Eine sehr große Artenvielfalt haben neben den Gliederfüßern (Arthropoda) auch die Amphibien (Amphibia), während bei Reptilien, Vögeln und Säugetieren die Vielfalt geringer ist.

Das größte zusammenhängende Regenwaldgebiet ist das Tiefland des Amazonas und seiner Nebenflüsse in Südamerika. Seine Ausdehnung umfasst von West nach Ost 3600 km, von Nord nach Süd 2800 km. Ein kleineres Regenwaldgebiet befindet sich als Gürtel an der Ostküste Brasiliens. Auch im tropischen Asien gibt es ein großes Regenwald-Areal, das sich von Nord-Indien, Burma, Indochina und Thailand über die malaiisch-indonesisch-philippinische Inselwelt bis zur nordostaustralischen Küste ausdehnt. In Afrika ist der Regenwald auf ein Gebiet im Kongo-Becken beschränkt, ansonsten gibt es verstreut nur kleinere Waldgebiete.

Die tropischen Regenwälder gehören zu den besonders stark gefährdeten Ökosystemen. Holznutzung und die im Wanderfeldbau angewandte Brandrodung haben zahlreiche Gebiete stark gestört oder zerstört. An diesen Stellen bilden sich artenärmere typische Ersatzgesellschaften, die man als Sekundärwald bezeichnet.



Tropischer Regenwald: Schema der verschiedenen Schichten des tropischen Regenwalds. 1 hartblättrige Epiphyten (z.B. Bromeliaceae), 2 weichblättrige Epiphyten (z.B. Begoniaceae), 3 epiphytische Orchideen, 4 Palmen, 5 Spreizklimmer, 6 obere Baumschicht (Höhe 40 bis 60 m), 7 Lianen, 8 weichblättrige Kräuter, 9 Farne, 10 Cauliflorie, 11 Riesenstauden (z.B. Banane), 12 Baumwürger (z.B. Ficus), 13 niedrige Kräuter (Nach: Klötzli, Ökosysteme, 31993)

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  • Die Autoren

Redaktion:
Dipl.-Biol. Elke Brechner (Projektleitung)
Dr. Barbara Dinkelaker
Dr. Daniel Dreesmann

Wissenschaftliche Fachberater:
Professor Dr. Helmut König, Institut für Mikrobiologie und Weinforschung, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Professor Dr. Siegbert Melzer, Institut für Pflanzenwissenschaften, ETH Zürich
Professor Dr. Walter Sudhaus, Institut für Zoologie, Freie Universität Berlin
Professor Dr. Wilfried Wichard, Institut für Biologie und ihre Didaktik, Universität zu Köln

Essayautoren:
Thomas Birus, Kulmbach (Der globale Mensch und seine Ernährung)
Dr. Daniel Dreesmann, Köln (Grün ist die Hoffnung - durch oder für Gentechpflanzen?)
Inke Drossé, Neubiberg (Tierquälerei in der Landwirtschaft)
Professor Manfred Dzieyk, Karlsruhe (Reproduktionsmedizin - Glück bringende Fortschritte oder unzulässige Eingriffe?)
Professor Dr. Gerhard Eisenbeis, Mainz (Lichtverschmutzung und ihre fatalen Folgen für Tiere)
Dr. Oliver Larbolette, Freiburg (Allergien auf dem Vormarsch)
Dr. Theres Lüthi, Zürich (Die Forschung an embryonalen Stammzellen)
Professor Dr. Wilfried Wichard, Köln (Bernsteinforschung)

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