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Lexikon der Chemie: Blausäure

Blausäure, HCN, das Nitril der Ameisensäure. B. ist eine farblose, leicht bewegliche, nach bitteren Mandeln riechende Flüssigkeit, die mit violetter Flamme brennt und mit Alkohol, Ether und Wasser in jedem Verhältnis mischbar ist; F. -13 bis -13,4 °C, Kp. 25,6 bis 26,5 °C. Reine B. ist bei Luftabschluß beständig, wobei durch Zusatz von Oxalsäure, Calciumchlorid u. a. die Stabilität erhöht werden kann. Durch Hydrolyse bildet sich aus B. Ameisensäure und Ammoniak: H-CN + 2 H2O → H-COOH + NH3. B. ist eine sehr schwache Säure, die bereits von der Kohlensäure aus ihren Salzen, den Cyaniden, freigesetzt wird. Gasförmige B. (Cyanwasserstoff) ist ein farbloses Gas, das zu etwa 6 bis 40 % mit Luft gemischt durch Zündung explodiert.

Blausäure ist ein starkes und schnellwirkendes Gift. Die tödliche Dosis beträgt 60 mg. Blausäure in flüssigem oder gasförmigem Zustand, durch Magen, Haut oder Lunge dem Organismus zugeführt, legt innerhalb von wenigen Sekunden durch Blockierung der Cytochromoxidase die Zellatmung lahm. Bei geringeren Dosen gehen dem Tod durch Atmungslähmung heftige Erregungszustände, Angstgefühl und Krämpfe voraus. Schon Spuren von Blausäure erzeugen Schwindelgefühl, Kopfschmerzen und Kratzen im Hals; zu beachten ist, daß nicht alle Menschen den charakteristischen Bittermandelgeruch wahrnehmen können. Die Cyanide rufen die gleichen Vergiftungserscheinungen hervor.

Eine Rettung Blausäurevergifteter ist nur möglich, wenn nach der ersten Hilfe (frische Luft, künstliche Atmung u. a.) mit der Therapie begonnen wird.

In der B. ist das Kohlenstoffatom ambivalent, d. h., es liegt in der undissoziierten B. positiv polarisiert vor und ist elektrophil, während das Cyanid-Ion nucleophil ist. Auf dieser Eigenschaft basieren viele Additions- und Anlagerungsreaktionen. So bildet sich z. B. durch Addition von B. an Aceton, durch Verseifung und Dehydratisierung des Acetoncyanhydrins Methacrylsäure, durch Anlagerung von B. an Ethin oder Ethylenoxid Acrylsäurenitril.

Vorkommen. B. ist im Amygdalin der bitteren Mandeln und in anderen cyanogenen Glycosiden in der Natur weit verbreitet. Auch frei kommt B. vor, z. B. in den Maniokknollen und in geringen Mengen in Tabakrauch und Rohgas.

Gewinnung. Im Labor erhält man B. durch Einwirken von Säuren auf Cyanide. Technisch gewinnt man B. z. B. durch Wasserabspaltung aus Formamid bei 300 °C am Aluminiumoxidkontakt oder beim Andrussow-Verfahren durch Ammoniak-Methan-Oxidation am Platin/Rhodium-Kontakt bei etwa 1000 °C: 2 CH4 + 3 O2 + 2 NH3 → 2 HCN + 6 H2O.

Verwendung. In der chem. Industrie nutzt man B. zur Synthese zahlreicher Verbindungen, wie Methacrylsäure und Acrylsäurenitril, die Ausgangsstoffe für Plaste bzw. Chemiefaserstoffe sind. Als Rodentizid dient B. zum Ausgasen von geschlossenen Räumen, z. B. verwendet man B. zur Bekämpfung schädlicher Nagetiere in geschlossenen Räumen. Im Labor dient B. aufgrund der hohen dielektrischen Konstante als Lösungsmittel für polare und ionische Substanzen. Im 1. Weltkrieg wurde B. als chem. Kampfstoff erprobt.

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