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Lexikon der Chemie: Thiocyanate

Thiocyanate, Rhodanide, Derivate der Thiocyansäure, korrekter der Isothiocyansäure H-NCS.

Anorganische T. Den wichtigen ionischen T. liegt das zur Gruppe der Pseudohalogenide gehörende, lineare, mesomeriestabilisierte Thiocyanat-Anion [NCS]- zugrunde, Alkalithiocyanate, wie Natrium- oder Kaliumthiocyanat, sind typische, farblose Salze, die man durch Schmelzen der Alkalicyanide mit Schwefel erhält. Die Oxidation dieser T. z. B. mit Braunstein führt zum Pseudohalogen Dithiocyan (Dirhodan), NCS-SCN, einer nur bei tiefen Temperaturen stabilen Verbindung, F. -3 °C. Durch Protonierung des Thiocyanat-Anions erhält man Isothiocyanwasserstoff, H-NCS, F. +5 °C, der nur bei niedrigen Temperaturen beständig ist und in wäßriger Lösung die mittelstarke Isothiocyansäure (pK 1,1·10-1) bildet. Die kovalenten T. der Nichtmetalle sind im allg. vom Isothiocyanattyp, z. B. Bortriisothiocyanat, B(NCS)3 und Siliciumtetraisothiocyanat, Si(NCS)4.

Das Thiocyanat-Anion ist ein vorzüglicher Komplexligand, bildet koordinative Bindungen über Stickstoff (Isothiocyanatkomplexe, M-NCS) und auch über Schwefel (Thiocyanatkomplexe, M-SCN) aus, wobei der Koordinationstyp von verschiedenen Faktoren beeinflußt wird. In Brückenfunktion vermag das Anion auch als mehrzähniger Ligand zu fungieren; im Falle koordinativer Zweizähnigkeit des Anions herrscht der Koordinationstyp M-NCS-M' vor.

Man verwendet die T. in der Analytik als Reagenzien z. B. für Eisen und nutzt die ausgeprägte Komplexbildungstendenz des Anions ferner für technische extraktive Metall-Trenn- und -Reinigungsprozesse.

Organische T. Sie haben die allg. Formel R-SCN und können auch als Thiocyansäureester bezeichnet werden. Sie sind in Abhängigkeit von R farblose Öle oder kristalline Verbindungen mit lauchartigem Geruch. In Wasser sind sie unlöslich, in Alkohol und Ether löslich. Einige T. können in Gegenwart von Katalysatoren bzw. thermisch in die isomeren Isothiocyanate umgelagert werden. Bei der Reduktion von T. werden Thiole gebildet:



Aliphatische T. können durch Umsetzung von Alkalithiocyanaten mit Alkylhalogeniden bzw. Dialkylsulfaten hergestellt werden. NaSCN + C2H5-Cl → C2H5-SCN + NaCl. Aromatische T. sind durch die Sandmeyer-Reaktion aus Arendiazoniumsalzen und Alkalithiocyanaten oder durch Umsetzung von Thiolen mit Halogencyanen zugänglich; R-SH + Cl-CN → R-SCN + HCl. Bei Anwesenheit aktivierender Substituenten können auch aromatische Halogenverbindungen mit Alkalirhodaniden in aromatische T. übergeführt werden:



T. werden als Schädlingsbekämpfungsmittel und für organische Synthesen verwendet.

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