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Lexikon der Ernährung: essenzielle Fettsäuren

essenzielle Fettsäuren, veralt. Vitamin F, E essential fatty acids, mehrfach ungesättigte Fettsäuren (Tab. 1), die im menschlichen Organismus nicht (wie bei den Pflanzen durch Desaturierung) synthetisiert werden können und daher essenzielle Nährstoffe darstellen. Essenziell für den Menschen sind Linolsäure und α-Linolensäure, teilweise ersetzbar durch ihre jeweiligen Reaktionsprodukte. In besonderen Situationen ist auch deren Zufuhr essenziell (Arachidonsäure; semi-essenzielle Nährstoffe). Man spricht deshalb heute vom Bedarf an Fettsäuren der ω-3- und der ω-6-Reihe.
Vorkommen: Hauptquelle für die direkte Zufuhr von Eicosapentaensäure, Docosapentaensäure (Clupanodonsäure) und Docosahexaensäure sind Fischöle. Besonders reich an Linolsäure ist Distelöl, [alpha;]-Linolensäure ist in Blattlipiden (Salat) und in Pflanzenöl (z. B. Leinöl) enthalten.
Bedarf (nach DGE):
Eine Zufuhr e. F. in Höhe von 1–2 % der Gesamtenergie gilt für den Erwachsenen als ausreichend; die DACH-Empfehlungen (Tab. 2) enthalten noch einen Sicherheitszuschlag. Die biologische Wirksamkeit der langkettigen Metabolite, z. B. aus Fischölen, ist höher als die der Linol- und α-Linolensäure selbst; es werden deshalb für die Bewertung der Bedarfsdeckung Fettsäureäquivalente diskutiert. Das optimale Verhältnis von ω-6- zu ω-3-Fettsäuren (Linolsäure / Linolensäure-Verhältnis) wird mit max. 5 : 1 angegeben, von einigen Autoren auch niedriger; für Säuglinge gilt analog zur Muttermilch ein Verhältnis von 5–15 : 1 (Säuglingsanfangsnahrung). Tatsächlich liegt der Wert in der Allgemeinbevölkerung bei fettreicher Ernährung über den Empfehlungen (in Deutschland nach der Nationalen Verzehrsstudie bei ca. 7,5 : 1); vegetarisch geprägte Kostformen mit wenig Fett, wie sie in Entwicklungsländern vorherrschen, haben einen höheren Linolensäureanteil; sie werden als günstiger angesehen.
Physiologische Bedeutung: Unter Normalbedingungen werden max. 10 % der mit der Nahrung aufgenommenen Linolsäure und der Hauptanteil der α-Linolensäure in langkettige, mehrfach ungesättigte Fettsäuren umgewandelt; sie sind Ausgangssubstanzen für die Synthese der Eicosanoide; ω-3- und ω-6-Fettsäuren wirken dabei antagonistisch. Der überwiegende Anteil der Linolsäure und ein Teil ihrer Reaktionsprodukte wird in Strukturlipide, in Depotfett (Reserve, die bei Bedarf mobilisiert werden kann) und bei Stillenden in die Milch eingebaut. Die Stabilität biologischer Membranen als Voraussetzung für die Reaktionsfähigkeit der in der Lipid-Doppelschicht lokalisierten Enzyme und Rezeptorproteine ist von der ausreichenden Versorgung mit ω-3- und ω-6-Fettsäuren abhängig. Überschüssige Linolsäure dient der Energiegewinnung. α-Linolensäure wird praktisch nicht gespeichert. Die Umwandlung von Fettsäuren der ω-3- in die ω-6-Reihe und umgekehrt ist im tierischen Organismus nicht möglich.
Spezielle Effekte der ω-3-Fettsäuren werden immer noch kontrovers diskutiert. Eicosapentaensäure, Docosapentaensäure und all-cis-4,7,10,13,16,19-Docosahexaensäure beinflussen direkt den Fettstoffwechsel durch Senkung des VLDL-Triglyceridspiegels. Darüber hinaus wirken sie speziell im Eicosanoidstoffwechsel. ω-3-Fettsäuren hemmen in erster Linie entzündliche Prozesse und beeinflussen die Blutgerinnung durch eine Verminderung der Plättchenadhäsion und -aggregation. Diese Wirkung beruht offenbar darauf, dass ω-3-Fettsäuren die Umwandlung von Linolsäure in Arachidonsäure verhindern und mit Arachidonsäure um die zur Eicosanoidsynthese notwendigen Enzyme konkurrieren.Mangel an e. F. ist beim Erwachsenen selten. In Ausnahmesituationen (enterale oder parenterale Nährlösungen als Langzeiternährung) treten Hautläsionen mit epidermaler Hyperproliferation und exzessivem Wasserverlust (atopische Dermatitis; Psoriasis), Hämolyseneigung und erhöhte Infektanfälligkeit als klinische Merkmale auf, im Tierexperiment auch Wachstumsverzögerung und Sterilität, Störungen im Lipidstoffwechsel, Fett- und Cholesterineinlagerungen in der Leber, Hemmung der oxidativen Phosphorylierung in den Mitochondrien. Die an Säuglingen bei Ernährung mit fettarmer Kuhmilchverdünnung beobachteten Hautirritationen (Milchschorf) werden ebenfalls mit Mangel an e. F. in Zusammenhang gebracht. Biochemischer Indikator für Linolsäuremangel ist die Mead-Fettsäure im Plasma (Trien-Tetraen-Quotient); Mangel an ω-3-Fettsäuren wird durch vermehrten Gehalt an (ω-6-)Docosapentaensäure dokumentiert. Die meisten Symptome sind reversibel nach Gabe von e. F.

essenzielle Fettsäuren: Tab. 1. Essenzielle Fettsäuren und ihre (semi-)essenziellen Metabolite. Erläuterungen im Text.

Trivialname

Anzahl
Kohlenstoffe : Doppel-bindungen

ω-3-Reihe

α-Linolensäure

C18:3

Stearidonsäure

C18:4

Eicosapentaensäure

C20:5

Docosapentaensäure
(Clupanodonsäure)

C22:5

Docosahexaensäure

C22:6

ω-6-Reihe

Linolsäure

C18:2

γ-Linolensäure

C18:3

Dihomo-γ-Linolensäure

C20:3

Arachidonsäure

C20:4

Docosatetraensäure

C22:4

essenzielle Fettsäuren: Tab. 2. DACH-Referenzwerte für die Zufuhr.

Alter / Bevölkerungsgruppe

essenzielle Fettsäuren
(Energie-%)

     ω6

ω3*

0–4 Monate

    4,0

0,5

4–12 Monate

    3,5

0,5

1–4 Jahre

    3,0

0,5

ab 4 Jahre

    2,5

0,5

Jugendliche und Erwachsene
(alle Altersgruppen),
Schwangere, Stillende

    2,5

0,5

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