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Lexikon der Ernährung: Gender-Perspektiven für eine interdisziplinär verfahrendeErnährungswissenschaft

Gender-Perspektiven für eine interdisziplinär verfahrende
Ernährungswissenschaft

Uta Meier, Gießen

Historische Wurzeln der natuwissenschaftlichen Ausrichtung der Ernährungswissenschaft

Als ein kritisches Faktum bewertete H. J. Teuteberg im Jahre 1974 die Tatsache, dass die Ernährungswissenschaften ihrem Selbstverständnis nach zwar immer wieder ihren multidisziplinären Charakter betonen, dabei jedoch in erster Linie die Kooperation von naturwissenschaftlichen Fächern meinen. Demgegenüber werde den Sozial- und Geisteswissenschaften bestenfalls der Status von peripheren Hilfswissenschaften zugebilligt (Teuteberg 1974).

Diese Schieflage erstaunt auf den ersten Blick. Denn es gibt in der Öffentlichkeit durchaus einen breiten Konsens darüber, dass es sich bei der Ernährung des Menschen um ein soziales Totalphänomen per excellence handelt, eingebettet in vielfältige Prozesse von Wirtschaft, Kultur und gesellschaftlichem Wandel. Obwohl auch die professionellen VertreterInnen der Ernährungswissenschaften der Einschätzung generell zustimmen würden, dass unsere Ernährung sehr viel mehr umfasst als diverse biochemische Reaktionen im Magen-Darm-Trakt, war die Ernährungsforschung – pointiert gesagt – lange Zeit identisch mit der Biochemie der Ernährung.

Eine Ursache für diese Einseitigkeit liegt zweifellos in der historischen Genese der Ernährungswissenschaften: Im Verbund naturwissenschaftlicher Disziplinen entstanden, benutzte sie nahezu ausschließlich die Methoden der Naturwissenschaften, um den menschlichen Nahrungsbedarf, die Aufnahme und Metabolisierung von Nährstoffen in ihrer Wirkung auf verschiedene Organe und Gewebe des Menschen zu untersuchen. Die inzwischen durchaus beeindruckende Zahl an naturwissenschaftlichen Befunden über die Nährstoffbedürfnisse des Menschen, die Effekte und Wechselbeziehungen der in der Nahrung vorhandenen Nährstoffe und anderer Substanzen in ihrer Relevanz für die Entstehung von Krankheiten und deren Heilung steht allerdings in einem kaum zu akzeptierenden Gegensatz zur vergleichsweise dürftigen Erkenntnislage über die sozio-kulturellen Einflussfaktoren der menschlichen Ernährung.

Hat sich diese Schieflage in den folgenden Jahrzehnten verringert oder gar ausgeglichen? Konnte dieses Missverhältnis durch die in den 60er-Jahren vollzogene Institutionalisierung des Studiengangs „Haushalts- und Ernährungswissenschaften“, zunächst in Gießen und nachfolgend an anderen bundesdeutschen Standorten, mittelfristig korrigiert werden? Offensichtlich nicht. Zwar wurde der naturwissenschaftliche Fächerkanon des mit dem Diplom der Ökotrophologie endenden Studiengangs um haushaltsökonomische, sozialwissenschaftliche und psychologische Facetten erweitert, die deutliche Vormachtstellung der Naturwissenschaften blieb jedoch erhalten. Vor diesem Hintergrund sieht Teuteberg auch Mitte der 90er-Jahre keinen Grund, seine hier eingangs zitierte Einschätzung zu korrigieren.

Auch E. Barlösius kommt in ihrer historischen Analyse zu einem ähnlichen Schluss. Hatte Justus v. Liebig Mitte des 19. Jahrhunderts Ernährungsprozesse für einzig chemisch analysierbar gehalten, so war es für Max Rubner Anfang des 20. Jahrhunderts die Physik, speziell die Thermodynamik, die er als den wissenschaftlichen „Schlüssel“ zur Durchdringung von Stoffwechselvorgängen betrachtete. Heute wird die Zukunft der Ernährungswissenschaften vor allem in der genetischen Forschung als einer neuen Grundlagenwissenschaft gesehen, die die klassische Ernährungsphysiologie zu verdrängen droht.

Dieser immer währende Kampf zwischen den Grundlagenwissenschaften um eine möglichst dauerhafte Hegemonie steht nicht nur einer gedeihlichen Kooperation zwischen den naturwissenschaftlichen Disziplinen im Wege (Barlösius 2000). Vielmehr erweist sich diese zementierte „Konkurrenzkultur“ innerhalb der Scientific Community erst recht als strukturelle Barriere für eine fächerübergreifende Kooperation von Natur- und Geisteswissenschaften. Barlösius sieht in der gegenwärtigen Vormachtstellung der Genforschung mithin die Gefahr, dass die Sozial- und Kulturwissenschaften zu Beginn des 3. Jahrtausends sogar noch stärker marginalisiert werden könnten. Die erneute naturwissenschaftliche Engführung des Studiengangs „Ökotrophologie“ in München-Weihenstephan oder Kiel kann als ein Symptom in diese Richtung gewertet werden.

Gender und Ernährung als neuer Ansatz

Gleichwohl sind auch gegenläufige Entwicklungen zu beobachten. So konnte im Zuge der Internationalisierung von Studienabschlüssen in Gießen ein breites Fächerspektrum erhalten werden. In Stuttgart-Hohenheim wird es in Kürze zur Einrichtung eines Forschungsschwerpunkts „Gender und Ernährung“ kommen, der sich konzeptionell betont einer interdisziplinären Kooperation von Natur- und Geisteswissenschaften verschreiben und entsprechende Strukturbedingungen initiieren wird.

Die Thematik „Gender und Ernährung“ kann vor allem deshalb als innovativ angesehen werden, weil sie Strukturprinzipien des herkömmlichen Wissenschaftsbetriebs systematisch hinterfragt: Die Etablierung der modernen Wissenschaften seit dem 19. Jahrhundert war verbunden mit dem Anspruch, die Natur zum Wohle des Menschen beherrschbar zu machen. Wissenschaftliche Experimente und deren Wiederholbarkeit, Mathematik und Empirie avancierten zum Schlüssel des Verständnisses von Natur und Mensch. Demgegenüber wurden andere Wissensformen wie das Erfahrungs- und Alltagswissen marginalisiert.

Die Wissenschaft als Domäne des Rationalen, des Unpersönlichen und des Allgemeinen blieb dem männlichen Geschlecht lange Zeit vorbehalten. Außerdem war das Wissenschaftssystem an der Verbreitung einer naturrechtlich begründeten Geschlechterrollenideologie maßgeblich beteiligt, die der Frau die Rolle der Ehefrau und Mutter zuwies und ihr nur gegen erheblichen Widerstand den Zugang zum Erwerbsleben unter Einschluss von wissenschaftlichen Berufs- und Karrierechancen allmählich eröffnet hat. Die Tatsache, dass das gesellschaftliche Teilsystem „Wissenschaft“ von seiner Genese bis heute zunächst ausschließlich und gegenwärtig noch weitgehend ein Ergebnis der Berufsarbeit von Männern ist, kann für forschungsleitende Fragestellungen, Theorien, Konzepte und Analyseverfahren dessen, was sich als Wissenschaft darstellt, nicht folgenlos geblieben sein (Hausen, Nowotny 1986). Diese Aussage bildete eine der erkenntnisleitenden Ausgangshypothesen der sich in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts zu Wort meldenden Frauenforschung. Anfänglich kaum ernst genommen, teils belächelt oder intellektuell blasiert abgewertet, griff sie couragiert die Fragen nach den unterschiedlichen Bedingungen der Wissensproduktion bei Frauen und Männern auf. In den letzten Jahren kommen selbst vormals skeptische FachkollegInnen nicht mehr umhin, der Frauen- und Genderforschung zu attestieren, sie habe Bewegung in das androzentrische Wissenschaftssystem gebracht.

Von der halben zur ganzen Wahrheit

Der Genderdiskurs und die in diesem Zusammenhang entwickelten Konzeptionen wurden vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften entwickelt und werden dort zunehmend auch von männlichen Forschern akzeptiert. Es besteht weitgehend Konsens darüber, dass Geschlechterverhältnisse bei der Analyse und Erklärung von Forschungsfragen der verschiedensten Art nicht ausgespart werden können. Demgegenüber stößt die Frauen- und Genderforschung in den Naturwissenschaften immer noch auf erheblichen Widerstand. Die vermeintliche Geschlechtsneutralität ihrer Untersuchungsobjekte (Zahlen, Gene und Stoffe) nährt das Vorurteil, dass in den Naturwissenschaften keine Genderforschung möglich sei. Obwohl die Frauen- und Genderforschung in den zurückliegenden Jahren in ihren Genderstudien zu wichtigen Erkenntnissen gelangt ist, die die Bedeutung der Analysekategorie Gender seriös belegen, lässt sich die im Wissenschaftsbetrieb verfestigte Grundüberzeugung nur schwer erschüttern, Forschungsgegenstände, Theoriekonzepte, Methoden und Arbeitsstile seien geschlechtsneutral verfasst (Haraway 1995). Selbst in der Medizin, wo es offenkundig ist, dass Kranke, Therapie- und Pflegebedürftige ein Geschlecht haben, findet die Frauen- und Genderforschung an den Universitäten und Hochschulen bislang wenig Unterstützung.

Der Blick in die Vereinigten Staaten zeigt jedoch, dass Frauen- und Genderforscherinnen inzwischen naturwissenschaftliche Grundlagen produktiv verändert haben und diese Erkenntnisse auch bei Fachkollegen Akzeptanz finden, wenn sie für neue Impulse aufgeschlossen sind und im Angesicht einer Reihe von wissenschaftlichen Fehlentwicklungen nach neuen Forschungsperspektiven suchen (Kollek 1996).

Sollen Genderkonzepte systematisch in Forschung und Lehre integriert werden, so kommen die daran beteiligten Professionen nicht umhin, die Geschichte ihres Fachs, Brüche in der Wissenschaftsentwicklung und ihre je spezifische Bedeutung für die Genderforschung herauszuarbeiten unter Beachtung jener Barrieren, die den Ausschluss von Frauen aus der Scientific Community bedingt haben und gegenwärtig noch bedingen. Über eine kritisch-reflexive Theorie- und Methodenkritik der jeweiligen Wissenschaftsdisziplin gilt es außerdem, fachintern wie fachübergreifend bestehende Leerstellen und Forschungslücken in der naturwissenschaftlichen, aber auch der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Forschung zu benennen. Dieses Vorgehen zielt darauf ab, attraktive, fachübergreifende und zukunftsweisende Themen für Genderstudien zu entwerfen, die es in den nächsten Jahrzehnten zu bearbeiten gilt. Mit der Institutionalisierung von Genderstudien verbindet sich zugleich das Ziel, eine stärkere Präsenz von qualifizierten Wissenschaftlerinnen in Forschung und Lehre durchzusetzen.

Als ein grundlegendes Arbeitsprinzip soll dabei die Kooperation zwischen den verschiedenen Professionen durchgesetzt werden, ein Sich-Einlassen auf andere Forschungsperspektiven und Fachsprachen. Gerade in der Hochschulausbildung wird es zukünftig unerlässlich sein, die Kommunikationsfähigkeit der Wissenschaften im eigenen Fach, aber auch untereinander in den jeweiligen Schnittstellenbereichen sowie mit Geldgebern und Gutachtern, aber auch in interdisziplinär besetzten Gremien der Politikberatung zu erhöhen (v. Schweitzer 2000). Mehrsprachigkeit und die Fähigkeit, sich in andere Fachsprachen einarbeiten zu können, erweist sich gerade in einer anwendungsorientierten Wissenschaft als notwendige Kompetenz. Das bedeutet beispielsweise biopsychosoziale Ansätze nicht als konkurrierende, sondern sich wechselseitig ergänzende Zugänge zu betrachten mit dem Ziel, zu stimmigen und anwendungsrelevanten Resultaten zu gelangen, die der Komplexität des Phänomens Ernährung gerecht werden und seine Einbettung in gesellschaftliche Strukturen berücksichtigen.

Ernährungsprozesse werden nicht länger eindimensional den Medizin- und Biowissenschaften mit ihren vermeintlich objektiven und kulturunabhängigen Parametern zugewiesen, sondern stets auch in ihrer Abhängigkeit von sozialen und kulturellen Einflussgrößen analysiert. Die Notwendigkeit der Berücksichtigung von Unterschieden zwischen den Geschlechtern zeigt sich beispielsweise in der biochemischen Forschung. Hierzu liegen bereits einige Studien – insbesondere aus den USA – vor, die die Zyklus- bzw. Hormonabhängigkeit von Enzymen für den Stoffwechsel nachgewiesen und in ihren vielfältigen Konsequenzen beschrieben haben. Diese geschlechtsspezifischen Erkenntnisse der biochemischen Forschungen müssten auch in der Pathophysiologie und Pharmakologie aufgegriffen werden, um Krankheitsverläufe von Frauen und Männern zu verstehen und entsprechend differenzierte Therapiemöglichkeiten entwickeln zu können. Bisher ist jedoch äußerst selten die Frage gestellt worden, was bei Frauen anders verläuft als bei Männern, was anders therapierbar ist und wo bereits in der Prävention bei Frauen und Männern unterschiedlich vorgegangen werden müsste. Als fruchtbar kann sich in diesem Zusammenhang die in den Gesundheitswissenschaften und den Public Health-Studiengängen bereits erfolgreich praktizierte gendersensibiliserte Methodik erweisen: Gesundheit und Krankheit werden hier nicht länger als abstrakte wissenschaftliche Begriffe, sondern als Teil der subjektiven Biografien von Frauen und Männern aufgefasst.

So berücksichtigt der „Lifespan Approach“ (lebensphasenbezogener Ansatz) nicht nur die individuelle Krankheitsgeschichte, sondern auch die soziale Lebenssituation und den lebensphasenspezifischen Kontext von PatientInnen und von Ratsuchenden. Dazu bedarf es einer biopsychosozialen Grundlagenforschung, die fächerübergreifend angelegt ist, um komplexe Phänome wie Gesundheit oder Ernährung in ihren vielfältigen Facetten zu durchdringen. Unterschiedliche Ansätze werden dabei nicht als konkurrierende, sondern als sich wechselseitig ergänzende Forschungsperspektiven betrachtet.

Inter- und Transdisziplinarität sind bei dieser Thematik aber auch mit der Herausforderung verbunden, gangbare Wege des „Wissens- und Erkenntnistransfers“ in die Alltagspraxis von Frauen und Männern als Angehörige verschiedener sozialer Gruppen aufzuzeigen. Denn Ernährungsprozesse und der gesamte Verlauf der Ernährungssozialisation werden immer noch wesentlich in den sozialen Lebensformen von Haushalt und Familie vollzogen, wiewohl auch andere Sozialisationsinstanzen diese Prozesse beeinflussen. Deshalb bedeutet Interdisziplinarität keineswegs nur die Kooperation zwischen naturwissenschaftlichen Einzeldisziplinen, sondern visiert gezielt die Zusammenarbeit zwischen Natur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an.

Eine systematische Bearbeitung des Forschungsgebiets Gender und Ernährung unter Einschluss eines tragfähigen theoretischen Bezugsrahmens steht bundesweit an. Sie kann dazu beitragen, den vielfach zurecht beklagten Mangel an struktureller Interdisziplinarität zwischen den grundlagenwissenschaftlichen Fachdisziplinen einerseits, aber auch den anwendungsorientierten Fächern andererseits zu überwinden, die derzeit unter dem Dach „Ernährungswissenschaften“ firmieren oder relevante Beiträge für die Ernährungswissenschaft liefern.

Auch in einer anwendungsorientierten Wissenschaft, die in praktischer Absicht theoretisiert, braucht es Grundlagenforschung und den reflexiven Gebrauch von Theorien. Allerdings gilt es, sich darüber klar zu sein, dass viele der in den Grundlagenwissenschaften entwickelten Theoriegebäude weit entfernt von der Alltagspraxis liegen. Genau hier liegt die Chance, die Theorieangebote der Frauen- und Genderforschung zurate zu ziehen und durch interdisziplinäres Arbeiten und Forschen schließlich einen alltagstauglichen Wissenstransfer zu ermöglichen, ohne deswegen theorielos zu sein. Gender als grundlegende Strukturkategorie von Gesellschaft ist in der Ernährungswissenschaft bisher nicht systematisch berücksichtigt worden. Weder hat das inzwischen breite Repertoire an theoretischen Konzepten und Methoden der Frauen- und Genderforschung bisher Eingang in die ernährungswissenschaftliche Forschung gefunden, noch hat die Ernährungswissenschaft bereits ein trans- rsp. interdisziplinäres Profil, das die gemeinsamen Schnittmengen zum Gegenstand forschungsleitender Fragestellungen gemacht hätte. Hier setzt Gender und Ernährung an mit dem Ziel, integrierte Forschungsperspektiven zu entwickeln.

„Doppelte Leerstelle“

Die Genderperspektive macht darüber hinaus eine „doppelte Leerstelle“ im Wissenschaftsbetrieb sichtbar und ist bestrebt, diese zu überwinden: die randständige Position der Ernährung in der Geschlechterforschung einerseits und die Vernachlässigung der grundlegenden Analysekategorie „Geschlecht“ in der Ernährungswissenschaft andererseits. Das beinhaltet deutlich mehr als die deskriptive Merkmalsunterscheidung „männlich“ – „weiblich“ (Setzwein 2000). Zwar existieren bereits eine Reihe von Studien zur überproportionalen Betroffenheit von Frauen durch materielle Ernährungsarmut oder zum existenziellen Beitrag der Frauen zur Nahrungssicherung. Außerdem gibt es inzwischen ein relativ breites Interesse an der Geschlechterdifferenz von Essstörungen, Diätverhalten, aber auch von Genussmitteln. Schließlich liegen Analysen vor, die geschlechtsspezifische Verzehrsgewohnheiten und Gesundheitsorientierungen belegen oder auch über die nach wie vor gegebene Zuständigkeit von Frauen für die Ernährungsversorgung ihrer Familienangehörigen Auskunft geben (Tab. 1).

Größtenteils verbleiben diese Studien aber im Deskriptiven und reproduzieren bereits bekannte Zusammenhänge. Demgegenüber fehlt es an Analysen, die die empirisch konstatierten Zusammenhänge zum Ernährungsverhalten in den Kontext des „kulturellen Systems von Zweigeschlechtlichkeit“ (Hagemann-White) und seiner Intitutionen stellen.

Ebenso unbeachtet ist bislang die Tatsache geblieben, dass Geschlecht keine Naturkonstante ist, sondern als soziales Klassifikationsmerkmal in sozialen Interaktionsprozessen erst hergestellt werden muss („doing gender“). In dieser interaktionstheoretischen Sicht ist Gender eine Darstellungs- und Interpretationsleistung: Es spricht einiges dafür, dass nicht das Geschlecht das praktizierte Ernährungsverhalten bestimmt, sondern dass umgekehrt genderspezifische Ernährungsstile dazu dienen, Weiblichkeit oder Männlichkeit zu inszenieren und damit das eigene Geschlecht sozial zu kommunizieren. Dieser Ansatz dürfte beispielsweise bei der Analyse und Erklärung von Essstörungen wegweisend sein.

Mit dem Forschungsfeld Gender und Ernährung wird schließlich konzeptionell versucht, die unheilige Allianz von hochgradiger fachlicher Spezialisierung und Alltagsvergessenheit von ernährungswissenschaftlicher Forschung zu überwinden: Das Totalphänomen Ernährung wurde im traditionellen Wissenschaftsbetrieb in Einzeldisziplinen zerlegt, ohne dass die Zusammenführung der gewonnenen Ergebnisse anvisiert war. Zwar wurde beispielsweise der naturwissenschaftlich verfahrenden Ernährungswissenschaft im Studiengang Ökotrophologie die Haushaltsökonomie oder die Agrarsoziologie zur Seite gestellt, weil die Ernährungsversorgung der Bevölkerung bekanntlich in konkreten Kontexten von Haushalt, Familie und ländlichen Räumen vollzogen wird. Eine disziplinübergreifende Verknüpfung der gewonnenen Forschungsbefunde fand allerdings bislang kaum statt.

Wissenstransfer in den Alltag

Gender und Ernährung ist als ein hilfreiches Forschungsprogramm anzusehen, um den häufig beklagten Mangel an „Wissenstransfer“ von ernährungswissenschaftlichen Forschungsbefunden in die Alltagspraxis der Bevölkerung, d. h. der Vermittlung der Ergebnisse naturwissenschaftlicher Ernährungswissenschaft an verschiedene Zielgruppen zu überwinden. Dies kann nur durch eine systematische Zusammenschau verschiedener Teilaspekte von Ernährung und der damit befassten Fachdisziplinen (darunter Ernährung des Menschen, Biochemie der Ernährung, Lebensmittelchemie, Agrarwissenschaften, Haushalts- und Konsumökonomik, Sozial- und Kulturwissenschaften) geschehen.

Ernährungsprozesse mithilfe von Genderkonzepten zu analysieren, zielt somit auf die stärkere Berücksichtigung der Arbeits- und Lebenszusammenhänge von Frauen sowie von weiblichen Erfahrungsbeständen in allen Lebensbereichen. Damit einher geht der Anspruch, die überkommenen hierarchischen Dualismen von „Mann – Geist – Rationalität“ und „Frau – Körper – Emotionalität“ durch interdisziplinäres Forschen und Lehren kritisch zu hinterfragen. Diese Dualismen finden auch in der Arbeitsteilung zwischen Natur- und Technikwissenschaften einerseits und den Geistes- und Sozialwissenschaften andererseits ihren Ausdruck. Genderforschung zu betreiben, meint letztlich nicht weniger als diesen Dualismus durch interdisziplinäres Forschen und Lehren aufzulösen.

Auf die manifesten Dualismen in der Ernährungswissenschaft bezogen heißt das, Ernährungsprozesse weder einseitig auf Stoffwechselvorgänge zu reduzieren, noch umgekehrt in den Sozialwissenschaften die Tatsache auszublenden, dass soziale Akteure auch eine Körperlichkeit haben, das heißt Gesellschaft ohne permanente Reproduktion des Menschen durch Essen, Schlafen, Sexualität usw. nicht existieren kann.

Die Berücksichtigung von physiologischen Regenerationsvorgängen und biologischen Geschlechterdifferenzen, die im Ergebnis naturwissenschaftlicher Forschung nachgewiesen werden, laufen erst dann nicht mehr Gefahr, als Begründung für soziale Ungleichheit zwischen Männern und Frauen instrumentalisiert zu werden, wenn ernährungswissenschaftliche Einzeldisziplinen gleichwertig im Forschungsverbund agieren und analytisch-ganzheitliche Modelle entwickeln, die geeignet sind, einen reflexiven Wissenstransfer zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen zu ermöglichen. Nur so lassen sich tragfähige gesellschaftliche Lösungen im Sinne von Geschlechtergerechtigkeit entwickeln.

Der Anspruch auf Überwindung der konventionellen dualistischen Zuordnung des Weiblichen und des Männlichen hat auch methodische Konsequenzen: weibliche Probandinnen als Subjekte mit ihren spezifischen Bedürfnissen, Alltagserfahrungen und Wahrnehmungen in der Forschung zu berücksichtigen, anstatt überwiegend den männlichen Durchschnittsbürger zum Maßstab und Bezugspunkt wissenschaftlicher Analysen zu machen.

Trans- und Interdisziplinarität als wichtige Voraussetzungen für alltagstaugliche Beratungskonzepte

Die zunehmende Ausdifferenzierung und Pluralisierung von Lebenslagen und Lebensstilen in modernen Gesellschaften, die sich auch in der Vielfalt von Ernährungsstilen zeigt, kommt letztlich ohne passgerechte und alltagstaugliche Bildungs- und Beratungskonzepte nicht aus. Die dafür notwendigen professionellen Kompetenzen von entsprechenden Berufsgruppen (z. B. Berufe in den Bereichen Ernährungs-, Familien- und Gesundheitsberatung und -bildung) setzen trans- und interdisziplinäre Fachkenntnisse voraus, wie sie mit Gender und Ernährung angestrebt werden. Daraus ergeben sich für die Studierenden interessante Berufsperspektiven im Spektrum moderner Dienstleistungsberufe. Auch für LehramtsabsolventInnen eröffnet eine entsprechende berufsbezogene und didaktische Kompetenzvermittlung die Chance, gegen den „heimlichen Lehrplan in der (traditionellen) Geschlechtererziehung“ in den Schulen vorzugehen und in der Konsequenz gendersensitive Lerninhalte in schulische Curricula aufzunehmen.

Aus einer Genderperspektive wird auch deutlich, weshalb die Sicherung der Ernährung als einer lebenslangen Kernaufgabe der Alltagsversorgung auch innerhalb der Sozialwissenschaften lange Zeit als trivial und als nicht forschungsrelevant galt, bestenfalls noch als ein exotisches Thema akzeptiert wurde. Das hat ursächlich mit der Geringschätzung des als weiblich konnotierten Arbeitsbereichs der Beköstigung von Haushaltsmitgliedern in der vermeintlichen Privatsphäre zu tun. An dieser Gesamteinschätzung ändern auch gelegentliche Einsichten männlicher Zeitgenossen nichts; etwa, dass die Lösung der sozialen Frage im 19. Jahrhundert im Kochtopf der Arbeiterfrau stecke oder bei Männern heutzutage bestenfalls eine Art Erlebniskochen, nicht jedoch ein Versorgungskochen in Deutschland zu konstatieren sei.

Schließlich eröffnet der Gender-Zugang auch eine stimmige Erklärung für die höchst bescheidenen und fragwürdigen Effekte einer Ernährungsaufklärung und -beratung, die im Stile einer hierarchischen Belehrung auf die kognitive Vermittlung von ernährungswissenschaftlichen Detailinformationen setzt. Das schlichte Motto „Befolge unseren Expertenratschlag, und deine Ernährungsprobleme sind gelöst“ verkennt auf naive und unprofessionelle Weise, dass Individuen in vielfältige Strukturen des Alltags eingebunden sind, die sie nicht qua persönlichem Willensakt beliebig verändern können.

Zitierte Literatur

Barlösius, E.: Perspektiven der Ernährungswissenschaft aus soziologischer Sicht. In: Schönberger, G. U. u. Spiekermann, U. (Hrsg.): Die Zukunft der Ernährungswissenschaft. Schriftenreihe herausgegeben von der Dr. Rainer Wild-Stiftung. Heidelberg (2000), 115–126

Haraway, D.: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt a. M. (1995).

Hausen, K. u. Nowotny, H. (Hrsg.): Wie männlich ist die Wissenschaft? Frankfurt a. M. (1986)

Kollek, R.: Metaphern, Strukturbilder, Mythen. Zur kulturellen Bedeutung des menschlichen Genoms. In: Trallori, L. (Hrsg.): Eroberung des Lebens. Wien (1996).

Schweitzer, R. von: Haushaltswissenschaft – Antworten auf Fragen. In: Schönberger, G. u. Spiekermann, U. (Hrsg.): Die Zukunft der Ernährungswissenschaft. Schriftenreihe hg. von der Dr. Rainer Wild-Stiftung. Heidelberg (2000), 83–95

Setzwein, M.: Ernährung und Geschlecht. In: Wierlacher, A. u. Wild, R. (Hrsg.): Internationaler Arbeitskreis für Kulturforschung des Essens (2000) 5, 14–23.

H. J. Teuteberg: Die Einwirkung sozialer und kultureller Faktoren auf das Ernährungsverhalten – ein wissenschaftsgeschichtlicher und systemtheoretischer Überblick. In: Ernährungsumschau 21, (1974) Heft 2, 40–51

Weiterführende Literatur:

Cornell, R. W.: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Opladen (1999).

Hagemann-White, C.: Sozialisation: weiblich – männlich? Opladen (1984).

Methfessel, B. (Hrsg.): Essen lehren – Essen lernen. Hohengehren (1999).

Minnich, E. K.: Von der halben zur ganzen Wahrheit. Einführung in feministisches Denken. Frankfurt, New York (1995).

Mixa, E.: Die gläserne Decke. In: Frauengesundheit. Jahrbuch für kritische Medizin 24, Hamburg (1995).

Rose, H.: Love, Power and Knowledge: Towards a Feminist Transformation of the Sciences. Cambridge UK (1994).

Gender-Perspektiven für eine interdisziplinär verfahrende Ernährungswissenschaft: Tab. 1: Durchschnittliche Zeitverwendung von Ehepartnern nach ausgewählten Aktivitäten und Einkommensklassen (Angaben in Minuten pro Tag). Monatliches Nettoeinkommen des Haushalts: 1) 1.400 DM bis unter 1.800 DM, 2) 8.000 DM bis unter 10.000 DM. [Quelle: Statistisches Bundesamt (Hg.): Die Zeitverwendung der Bevölkerung. Methode und erste Ergebnisse der Zeitbudgeterhebung 1991/92. Wiesbaden 1995. S. 171, 175, 181, 188, 191.]

Aktivitäten

EhemannEinkommens-
klassen

EhefrauEinkommens-
klassen

1

2

1

2

Beköstigung

31

19

133

84

Einkauf

19

11

23

26

Essen

98

86

103

89

Erwerbstätigkeit / Arbeitssuche

104

350

59

197

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