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Lexikon der Geographie: Behaviorismus

Behaviorismus [von engl. behavior=Verhalten], ist einer der einflussreichsten Forschungsansätze der Psychologie und bildet die theoretische Grundlage der verhaltenstheoretischen Sozialgeographie und Soziologie. John B. Watson (1878-1958) entwickelte diese Verhaltenslehre als Gegenposition zur sog. Bewusstseinspsychologie und hatte den Anspruch, der Psychologie als naturwissenschaftlicher Disziplin zu Anerkennung und Einfluss zu verhelfen. War die damals vorherrschende geisteswissenschaftlich orientierte Psychologie auf das Verstehen von Bewusstseinszuständen durch introspektive, auf therapeutischem Gespräch aufbauende Methoden ausgerichtet, sollte sich die behavioristische Psychologie derselben Methoden bedienen wie die Naturwissenschaften: direkte Beobachtung unter experimentellen Bedingungen.
Die Ausgangsthese des klassischen Behaviorismus besteht im Postulat, dass jedes Verhalten eines Organismus, der menschliche mit eingeschlossen, eine Reaktion (response) auf einen äußeren Reiz (stimulus) darstellt. Einen "Reiz" kann dabei potenziell jede Gegebenheit der physischen und sozialen Umwelt darstellen. Forschungspraktisch wird eine solche Begebenheit aber erst dann als "Reiz" betrachtet, wenn sie ein Verhalten bewirkt. Als "Reaktion" gilt alles, was das Lebewesen tut. Nach Watson vollbringt der Organismus mit seiner Reaktion eine Anpassungsleistung an seine Umwelt; d.h., dass der Organismus durch eine Bewegung seinen physiologischen Zustand so verändert, dass der "Reiz" keine weitere "Reaktion" mehr hervorruft. Die Reduktion menschlichen Tuns auf beobachtbare Organismusabläufe soll eine konsequente Anwendung naturwissenschaftlicher Methodologie ermöglichen.
Das entsprechende Reiz-Reaktions-Schema ist in die darwinistische Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Umwelt eingebettet. Wie der Geodeterminismus war der klassische Behaviorismus vor allem an der Aufdeckung allgemeiner Gesetzmäßigkeiten menschlicher Tätigkeiten interessiert. Die menschlichen Tätigkeiten sollen auf deren Grundlage kausal, d.h. durch Rückführung auf eine Ursache erklärt werden können. So soll es möglich werden, bei gegebenen "Reizen" – jederzeit und unter allen Umständen – die entsprechende Reaktion voraussagen zu können. Oberstes Ziel behavioristischer Forschung war demgemäß Erklärung, Vorhersage und Kontrolle beobachtbarer Verhaltensweisen.
Die wichtigsten Forschungshypothesen des klassischen Behaviorismus lassen sich auf drei Behauptungen zusammenfassen. Erstens: Die Eigenschaften der Umwelt – als die Summe der (potenziellen) Reize – sind für das Verhalten von Individuen von entscheidender Bedeutung und nicht die Eigenschaften der Individuen. Zweitens: Unter gleichen Umständen verhalten sich verschiedene Individuen gleich. Drittens: Unter gleichen Umständen verhalten sich alle Individuen genau so, wie sie sich früher unter denselben bereits verhalten haben.
Spätere und aktuelle Formen des Behaviorismus teilen die Auffassung von der Umweltdetermination des Verhaltens in dieser strikten Form nicht mehr. Vielmehr geht man davon aus, dass das menschliche Bewusstsein die äußeren Reize zuerst interpretiert, bevor sie verhaltenswirksam werden können. Die entsprechenden kognitiven Verhaltenstheorien begreifen die Anregungen aus der Umwelt als Informationen. Damit wird die Erklärungslast von der Umwelt auf das Individuum verlagert. In kognitiven Verhaltenstheorien werden primär Aspekte des Bewusstseins als verhaltensleitend betrachtet. Spannungen zwischen mentalen Faktoren gelten nun als die primären Auslöser von Verhaltensweisen (Anspruchsniveau). Verhalten wird als Reaktion begriffen, welche Spannungsmomente zwischen einzelnen kognitiven Faktoren abbaut. Damit diese Spannungszustände aber überhaupt erst auftreten können, sind äußere Anlässe (Umweltinformationen) nötig. Als kognitive Faktoren gelten Bedürfnisse, Motive und sozial-kulturell geprägte Persönlichkeitsmerkmale. Die auf diese Faktoren treffenden Informationen können bei der Person zu Spannungen führen. Je nach der Art der Informationen und der Ausprägung der kognitiven Faktoren äußert das Individuum eine spezifische Verhaltensweise, die den Spannungszustand aufhebt.

BW

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Grafik:
Mathias Niemeyer (Leitung)
Ulrike Lohoff-Erlenbach
Stephan Meyer

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