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Lexikon der Geowissenschaften: Medizinmeteorologie

Medizinmeteorologie, Teilgebiet der Biometeorologie bzw. Bioklimatologie, gleichbedeutend mit Human-Biometeorologie, das sich mit den Einflüssen der Atmosphäre auf den gesunden oder kranken Menschen beschäftigt. Dabei werden die folgenden Wirkungskomplexe unterschieden: lufthygienisch, aktinisch und thermisch, teilweise mit Überschneidungen. Aufgrund unterschiedlicher Konstitution (einschließlich möglicher Vorschädigung) bzw. je nach Training reagieren die Menschen jedoch recht unterschiedlich auf die atmosphärischen Gegebenheiten. Der lufthygienische Wirkungskomplex betrifft die Auswirkungen der Zusammensetzung der atmosphärischen Luft. Dabei können Mangelerscheinungen auftreten, z.B. bei zu geringer Sauerstoffversorgung, insbesondere beim Aufenthalt in relativ großer Höhe (Höhenkrankheit), oder aber bei Belastungen durch Schadstoffe wie z.B. Schwefeldioxid, Ozon oder Feinstäube (z.B. Ruß; Luftreinhaltung). Solche Belastungen sind typische Kennzeichen von Ballungsräumen, insbesondere des Stadtklimas (photochemischer Smog). Unter Umständen können als belastend geltende Faktoren bei vorsichtiger Dosierung auch therapeutisch eingesetzt werden, z.B. ein Aufenthalt im Gebirge (Gebirgsklima), weil oberhalb der sog. Reizschwelle, aber unterhalb der sog. Reaktionsschwelle der Mangel an Sauerstoff-Versorgung langfristig eine kompensatorische Zunahme des Hämoglobins (roter Blutfarbstoff) bewirkt, der die Sauerstoff-Versorgung des Körpers verbessert; dieser Effekt hält nach dem Verlassen dieses Höhenbereichs eine gewisse Zeit an ( Tab. 1 ). Eine Besonderheit des lufthygienischen Wirkungskomplexes ist die allergische Reaktion auf Pollenflug, die sich z.B. in Pollinosen (Heuschnupfen) äußert, wobei beim einzelnen Menschen i.a. Allergien gegenüber ganz bestimmten Pollenarten bestehen. Außer klimatologischer Orientierung (Pollenflugkalender, Abb. ) kann von diesen Personen die Pollenflugvorhersage des Deutschen Wetterdienstes in Anspruch genommen werden.

Der aktinische Wirkungskomplex umfaßt die Strahlung-Vorgänge des gesamten elektromagnetischen Spektrums ( Tab. 2 ), insbesondere aber hinsichtlich des UV-Anteils der Sonneneinstrahlung (ultraviolette Strahlung). Auch in diesem Fall gibt es sowohl positive Wirkungen (z.B. Vitamin-D-Synthese, Neurodermitis-Behandlung, Immunsuppression, bakterizide Effekte, d.h. Abtötung von bakteriellen Krankheitserregern), die auch künstliche nachgeahmt werden können (z.B. durch Höhensonne), als auch negative (z.B. Hautkarzinom, Sehschädigungen). Moderate IR-, d.h. Wärmebestrahlung wirkt z.B. entzündungshemmend. Der thermische Wirkungskomplex betrifft die physiologische Wärmeempfindung des Menschen, die nicht nur von der Lufttemperatur, sondern auch von der Luftfeuchte, vom Wind und den kurz- und langwelligen Strahlungsflüssen (als Teil des aktinischen Wirkungskomplexes) beeinflußt wird. Da diesen Bedingungen prinzipiell jeder Mensch ausgesetzt ist, sei es unter Freilandbedingungen oder in Gebäuden, handelt es sich um einen zentralen Problemkreis der Medizinmeteorologie. Um im Einzelfall oder auch im klimatologischen Mittel die daraus resultierende Belastung (Belastungsklima, Reizklima) bzw. Schonung (Schonklima, Heilklima) abzuschätzen, ist beim Deutschen Wetterdienst als thermophysiologisch relevantes modernes Wärmebilanzmodell, der sog. Klima-Michel, entwickelt worden, bei dem sozusagen ein Modellmensch dem thermischen Wirkungskomplex ausgesetzt wird (genauer den daraus resultierenden Energieflüssen). Auf diese Weise lassen sich für bestimmte Regionen Bioklima-Karten entwerfen, aus denen Wärme- und Kältebelastung bzw. entsprechende Schonzonen ersichtlich sind. Dies ist im übrigen auch für das Kurortklima (insbesondere bei der Einstufung als heilklimatischer Kurort) von Bedeutung. Auch im Rahmen der Klimawirkungsforschung werden bei der Betrachtung von Gesundheitsrisiken bei Klimaänderungen (anthropogene Klimabeeinflussung), z.B. im Fall von größerer Häufigkeit und Intensität von Hitzwellen, solche Modelle eingesetzt. Die demgegenüber sehr simplen Begriffe Behaglichkeit und Schwüle (für keine bzw. relativ hohe physiologische Wärmebelastung, quantifiziert z.B. anhand der Äquivalenttemperatur) sind veraltet. Um die Einflüsse des Wetters auf die Gesundheit (früher als synoptischer Wirkungskomplex bezeichnet) statistisch untersuchen zu können, sind sog. Wetterphasenschemen entwickelt worden. Später kamen dynamische Charakterisierungen dazu, wie Aufgleiten von Warmluft über Kaltluft, Abgleiten (z.B. bei Föhn) oder Turbulenz-Effekte bei Labilität der Temperaturschichtung der Atmosphäre. Die medizinmeteorologischen Effekte dieser sog. Meteorotropie ( Tab. 3 ) werden noch immer vorwiegend empirisch-statistisch beschrieben, auch wenn es ursächliche Hypothesen z.B. in Zusammenhang mit elektrischen Erscheinungen in der Atmosphäre (z.B. Spherics) gibt. Jeder Mensch reagiert auf das Wetter zur Aufrechterhaltung seines physiologischen Gleichgewichtes (Homöostase). Beim Gesunden dringt die autonome Regulation des menschlichen Wärmehaushalts jedoch i.a. nicht ins Bewußtsein. Erst bei empfindlichen Personen tritt Wetterfühligkeit in Form von Befindensstörungen auf. Unter Wetterempfindlichkeit versteht man dagegen die Reaktionen von z.B. durch Operationsnarben u.ä. vorbelastete Menschen (z.T. in Form der sog. Wettervorfühligkeit, d.h. die Effekte treten vor der jeweils als beeinträchtigend eingestuften Wetterphase ein). [CDS]

Literatur: [1] Jendritzky, G. (1993): Wirkungen von Wetter und Klima auf die Gesundheit des Menschen. In Wichmann H.-E. et al. (Hrsg.): Handbuch Umweltmedizin. – Landsberg. [2] Trenkle, H. (1992): Klima und Krankheit. – Darmstadt.


Medizinmeteorologie: Pollenflugkalender. Medizinmeteorologie:

Medizinmeteorologie (Tab. 1) : typische medizinmeteorologische Effekte von Sauerstoff-Mangelerscheinungen beim Aufenthalt im Gebirge oder Flug (ohne künstliche Sauerstoff-Versorgung). Medizinmeteorologie (Tab. 1)

Medizinmeteorologie (Tab. 2): medizinmeteorologische Wirkungen der Sonneneinstrahlung. Medizinmeteorologie (Tab. 2):

Medizinmeteorologie (Tab. 3): meteorotrope Reaktionen in Abhängigkeit von der Wettersituation nach einer Erhebung 1968-1976 in Baden-Württemberg. Medizinmeteorologie (Tab. 3):

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