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Lexikon der Geowissenschaften: Naturkatastrophe

Naturkatastrophe

Richard Dikau & Holger Voss, Bonn

Am Anfang der Definition der Naturkatastrophe (engl. natural hazard, natural disaster) steht das eigentliche Naturereignis. Dieses Ereignis kann exogenen Ursprungs (z.B. Starkniederschlag, Hochwasser, Meteoriteneinschlag) oder endogenen Ursprungs (z.B. Ausbruch eines Vulkans, Erdbeben) sein. Ist dieses Ereignis in Raum und Zeit in der Lage, dem Menschen und seinen Errungenschaften einen potentiellen Schaden zuzufügen, spricht man von einer Naturgefahr. Deutlich wird dieses Verhältnis durch den Vergleich der Konsequenzen eines Lawinenereignisses. Ereignet sich solch ein Ereignis in einem unbewohnten und unzugänglichem Bergtal, stellt diese Situation keine Gefahr für den Menschen dar. Eine andere Situation liegt in einem stark frequentierten Ferienort vor. Der potentielle Schaden, und damit die Naturgefahr, kann hier extrem hoch sein. In Fortsetzung dieser Begriffsbestimmungen spricht man von einer Naturkatastrophe, wenn ein gefährliches Naturereignis eingetreten ist und Schäden nach sich gezogen hat. Die Beziehung zwischen Mensch und Naturgefahr bzw. Naturkatastrophe wird in Abb. 1 deutlich. Die Naturkatastrophe entsteht im Konfliktbereich zwischen dem natürlichen und dem humanen System. Der Mensch ist in der Lage, durch die Komponente der Rückkopplung Naturereignisse und Naturkatastrophen zu beeinflussen. So ist es auf der einen Seite möglich, daß die globale Klimaerwärmung zu einer gesteigerten Sturmaktivität führt. Auf der anderen Seite bringt sich der Mensch durch eine veränderte Siedlungsaktivität selbst in Gefahr. So sind bestimme Räume trotz ihrer extremen Gefährdung durch Erdbeben, aber aufgrund der landschaftlichen und wirtschaftlichen Attraktivität (z.B. San Francisco) gefragte Siedlungsgebiete. Neben diesen mehr oder weniger natürlichen Gefahren bzw. Katastrophen gibt es auch technologischen Katastrophen, wie z.B. ein Reaktor- oder Chemieunfall, und "schleichenden Katastrophe", zu denen man die Bodenerosion und Desertifikation zählt. Eng verbunden mit dem Begriff der Naturkatastrophe sind die Begriffe der Verwundbarkeit bzw. der Vulnerabilität und der Begriff des Risikos.

Verwundbarkeit und Vulnerabilität

Die Verwundbarkeit bezeichnet den Grad der Fähigkeit eines Individuums, eines Haushaltes, einer Gemeinde oder einer ganzen Gesellschaft einer Naturkatastrophe zu begegnen und sich von ihr zu erholen ("coping capacity"). Bestimmt wird die Verwundbarkeit von den Faktoren der Exposition des Menschen und Sachgütern in bezug auf die Naturgefahr. Mögliche Indikatoren für die Verwundbarkeit von Menschen sind ihr Alter, ihr Geschlecht, ihre Bildung und ihre soziale Stellung innerhalb der Gesellschaft. Diese Indikatoren werden auch als die interne Seite der Vulnerabilität bezeichnet, während das drohende Risiko die externe Seite der Verwundbarkeit beschreibt. Indikatoren für die Verwundbarkeit von Sachgütern können ihre Statik oder ihr Schutz durch andere Bauwerke (z.B. Dämme) sein.

Risiko und Naturgefahr

Der Risikobegriff umfaßt mehrere Aspekte. Er bezeichnet allgemein gesehen die zu erwartenden Verluste durch eine Naturgefahr für ein bestimmtes Gebiet. In einer mathematischen Gleichung ausgedrückt, ist das Risiko ein Produkt der Gefahr und der Verwundbarkeit. Weitere Aspekte des Risikobegriffes sind die soziale und psychische Risikoerfahrung und Risikowahrnehmung. Im Rahmen einer sozioökonomischen Betrachtung liegt der Schwerpunkt auf dem Risiko der Überlebenssicherung und der Deckung der Grundbedürfnisse. Im Gegensatz zur Naturgefahr ist Risiko ein mentales Konstrukt, um Gefahren näher zu bestimmen und nach dem Grad der Bedrohung zu ordnen, und keine Beschreibung des Tatbestandes einer objektiven Bedrohung durch ein zukünftiges Schadensereignis. Der Umfang, in dem sich eine Gesellschaft einem Risiko aussetzten kann, dem sogenannten Restrisiko, hängt von ihrer Verwundbarkeit ab. So ist es möglich, mittels des Risikos Schwellenwerte für schleichende Katastrophen festzulegen, deren Überschreitung zur Katastrophe führen.

Globale Verteilung, Klassifikation und Zahlen

Eine Übersicht über die globale Verteilung der Naturgefahren zeigt Abb. 2 . Naturgefahren unterscheidet man in Naturgefahren der Atmosphäre und Hydrosphäre, wie z.B. Zyklone, Tornado, Sturmflut, Überschwemmung, Meeresspiegelschwankungen, Dürre, Gewitter und Blitz sowie Lawinen, und der Lithosphäre, wie z.B. Erdbeben, Vulkanismus und Massenbewegungen, und der Biosphäre ( Tab. 1 ). Eine weitere Möglichkeit der Analyse ist die Bestimmung folgender Faktoren: Magnitude (hoch – gering), Frequenz (regelmäßig – selten), Dauer (lang – kurz), Ausdehnung (weit verbreitet – begrenzt), Ausbruchsgeschwindigkeit (langsam – schnell), räumliche Verteilung (gestreut – konzentriert) und der zeitliche Abstand (regelmäßig – zufällig).

In Tab. 2 sind einige der größten Naturkatastrophen aufgelistet. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden ca. vier Millionen Menschen durch Naturkatastrophen getötet. Dabei fallen ca. 66% der Todesfällen auf die zehn schwersten Ereignisse. Untersuchungen haben ergeben, daß die Zahl der durch Naturkatastrophen betroffenen Menschen jährlich um sechs Prozent ansteigt. Fraglich ist allerdings, ob es sich hier um einen absoluten Anstieg der Naturkatastrophen handelt, oder ob dieser Anstieg ein Ergebnis einer verstärkte Wahrnehmung und verbesserte Informationslage ist. Im Zeitraum 1960 bis 1990 verursachten Naturkatastrophen einen direkten Schaden von ca. 140 Milliarden US-Dollar, was auf der Basis der Weltbevölkerung von 1990 einem Betrag von über 30 US-Dollar pro Person entspricht. Wenn man nicht nur die direkten Schäden, sondern auch die Folgeschäden mit einbezieht, beträgt der jährliche Schaden durch Naturkatastrophen ca. 50 Milliarden US-Dollar. Bei einem Vergleich von Entwicklungsländern und Industrieländern fällt auf, daß ca. 90% der monetären Schäden in den Industrieländern entstehen, wobei über 90% der Todesopfer in den Entwicklungsländern zu beklagen sind.

Paradigma der Naturgefahren bzw. Naturkatastrophen

Der Bereich der Naturgefahrenforschung ist ein interdisziplinäres Arbeitsfeld. Beteiligt sind u.a. Geo- und Umweltwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, die Medizin, Ethnologie, Psychologie, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften und die politischen Wissenschaften. Diese Interdisziplinarität fokussiert den Konflikt zwischen Natur und Gesellschaft. In früheren Jahrhunderten wurden die Naturkatastrophen als "Akt Gottes" angesehen, gegen den der Mensch keine Handhabe zu besitzen schien. Im Laufe der Zeit rückte immer mehr die technische und naturwissenschaftliche Betrachtungsweise und die damit verbundenen technischen Errungenschaften in den Vordergrund. Die Bedeutung der Naturkatastrophen und deren Konsequenzen fand ihren Niederschlag in der "Internationalen Dekade zur Reduzierung der Naturkatastrophen" (IDNDR) der UN (1990-1999), welche seit dem Jahr 2000 von der "Internationalen Strategie zur Reduzierung der Naturkatastrophen" (ISDR) fortgesetzt wird. Der deutsche Beitrag zur ISDR wird u.a. vom "Deutschen Komitee zur Katastrophenvorsorge" (DKKV) geleistet. Ziel der ISDR ist es, eine Strategie zum Umgang mit Naturkatastrophen zu entwickeln, wobei neben der Reaktion auf Naturkatastrophen die Katastrophenprävention an Bedeutung gewinnen soll.

Literatur:

[1] Alexander, D. (1993): Natural Disaster. – London.

[2] Blaikie, P., Cannon, T., Davis, I. & B. Wisner (1994): At risk. Natural Hazards, Peoples Vulnerability and Disasters. – London.

[3] Chapmann, D. (1994): Natural Hazards. – Oxford.

[4] Smith, K. (1992): Environmental Hazards. Assessing risk and reducing disasters. – London.

[5] Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (1998): Welt im Wandel. Stratgeien zur Bewältigung globaler Umweltrisiken. – Berlin.


Naturkatastrophe 1: die Beziehung zwischen System Mensch und den Naturereignissen. Naturkatastrophe 1:

Naturkatastrophe 2: Weltkarte der Naturgefahren. Die grünen Bereiche stellen die wahrscheinliche Maximalintensität tropischer Wirbelstürme dar (hellgrün = 118-153 km/h bis dunkelgrün = mehr als 250 km/h). Die Pfeile stehen für die Hauptzugbahnen tropischer und außertropischer Wirbelstürme. Die gelb-roten Bereiche markieren die wahrscheinliche Maximalintensität von Erdbeben, von hellgelb für die Stufe V (und darunter) einer modifizierten Mercalli-Skala bis dunkelrot für die Stufe IX. Weitere Naturgefahren sind hoher Seegang (dunkelblauer Bereich in den Ozeanen) und Packeis (weiß-blau gesprenkelter Bereich). Die blau gepunktete Linie stellt die Grenze der Eisbergvorstöße dar. Naturkatastrophe 2:

Naturkatastrophe (Tab. 1): Klassifikation der Naturgefahren. Naturkatastrophe (Tab. 1):

Naturkatastrophe (Tab. 2): große Naturkatastrophen. Naturkatastrophe (Tab. 2):

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