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Lexikon der Kartographie und Geomatik: Sprachen- und Völkerkarten

Sprachen- und Völkerkarten, Sprachen- und Nationalitätenkarten, ethnische Karten, E ethnic maps, eng miteinander zusammenhängende Kartenarten, deren Gegenstand die Verbreitung bestimmter Sprachen oder Elemente derselben bzw. von ethnischen Gemeinschaften darstellt. Sprachen- und Völkerkarten, die eine wechselvolle Entwicklung im 19. und 20. Jh. erlebt haben, waren anfangs qualitative Mosaikkarten, d. h., nach der Flächenmethode gestaltet; teilweise wurden in die betreffenden Gebiete nur die Völkernamen eingeschrieben. Diese der Realität (gemischtsprachige Regionen, z. B. in den südosteuropäischen Ländern) nur selten entsprechende Wiedergabe nominalskalierter Daten wurde später durch die streifenmäßige Verzahnung der Farben oder Schraffuren und durch die Hervorhebung von Sprachinseln verbessert. Über die Differenzierung der Streifenbreite konnten nun auch in gewissen Grenzen die Anteile der einzelnen Sprachen (bzw. Völker) verdeutlicht werden. In diesem Zusammenhang entstanden auch Karten, die in der Lage waren, den Anteil von Minderheiten an der Gesamtbevölkerung durch helligkeitsmäßig abgestufte Farbskalen (quantitativ-ordinalskaliert) anschaulich wiederzugeben.
Sprachen- und Völkerkarten wurden, insbesondere im 19. Jh. und in der ersten Hälfte des 20. Jhs., immer wieder als politisches Propagandamittel ge- bzw. missbraucht. Die Auswertung ganz bestimmten statistischen Materials und die gezielte Benutzung von solchen Darstellungsmethoden, die zu einer der jeweiligen politischen Seite vorteilhaften Kartenbildern führte, brachte zahlreiche objektiv falsche bzw. verzerrte Kartenaussagen mit sich. Erst durch die gestalterische Verknüpfung mit der Bevölkerungsdichte und die Einführung der Absolutwertdarstellung (Punktmethode, Diakartogramm) in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg konnte ein höheres Maß an Objektivität erreicht werden. Heute sind Flächenmethode, Punktmethode und Diakartogramme (Diagrammmethode) die Hauptmethoden der graphischen Gestaltung von Sprachen- und Völkerkarten. Diese Methoden lassen sich entsprechend kombinieren und modifizieren. Sie sind unter Berücksichtigung der speziellen Zielstellung, der Nutzergruppe und des Kartenmaßstabs einzusetzen. Bei der Farbanwendung ist auf Wertneutralität zu achten, um Manipulationen zugunsten bestimmter Sprachen bzw. Ethnien vorzubeugen. Die Wiedergabe dynamischer Vorgänge im Bereich ethnischer Strukturen wird durch die Möglichkeiten der kartographischen Animation heute beträchtlich erleichtert.

WKH

Literatur: [1] DÖRFLINGER, J. (1990): Sprachen- und Völkerkarten des mitteleuropäischen Raums vom 18. Jahrhundert bis in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Scharfe, W., Musall, H. u. Neumann, J. (Hrsg.): 4. Kartographiehistorisches Colloquium, Vorträge und Berichte, Karlsruhe 1988, Berlin, 183-195. [2] JORDAN, P. (1999): Können ethnische Karten objektiv sein? In: Kretschmer, I. u. Kriz, K. (Hrsg.): 25 Jahre Studienzweig Kartographie, Wien, 120-127 (= Wiener Schriften zur Geographie u. Kartographie, Bd. 12)

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