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Lexikon der Neurowissenschaft: Anlage-Umwelt-Kontroverse

Anlage-Umwelt-Kontroverse, Natur-Umwelt-Diskussion, Anlage-Umwelt-Problem, Anlage-Umwelt-Diskussion, die Diskussion über das Verhältnis von Angeborenem und Erworbenem (Einflüsse von Erbe und Umwelt, "nurture-nature"). Die individuelle Entwicklung des Menschen vollzieht sich durch die Realisierung der in seinen Genen vorgegebenen Ordnungsprinzipien in der aktiven Auseinandersetzung des Organismus mit den weitgehend zufallsbedingten biotischen und sozialen Umwelteinflüssen. Die jahrhundertelang umstrittene Frage nach dem prozentualen Anteil der genetischen und der Umweltfaktoren an der Entwicklung ( siehe Zusatzinfo ) ist sinnlos, da sie die Erblichkeitsfaktoren als eine deterministische Anweisung betrachtet und nicht berücksichtigt, daß ihre anfangs vorhandenen vielfältigen Potenzen im Laufe der Entwicklung nach stochastischen Prinzipien einer zunehmend größeren Einschränkung unterliegen. Die in der aktiven Betätigung des Organismus im neuronalen Netzwerk seines Gehirns durch die multisensorisch-motorischen Aktivierungen eintretenden, immer komplizierteren Verschaltungen führen zur Bildung hochvariabler, hierarchisch aufgebauter funktioneller Systeme, die immer stabilere Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltenseigenschaften erzeugen. Somit können wir nach heutigem Kenntnisstand sagen, daß sich die Entwicklung des individuellen Organismus im ständigen Zusammenwirken von genetischen und Umweltfaktoren nach den Regeln der Selbstorganisation vollzieht. Zu Beginn der Entwicklung ist die Vielfalt der möglichen Realisierungsvarianten der genetischen Ordnungsprinzipien am größten, und die Realisierung verläuft bei altersgemäßer sozialer Umweltkonstellation besonders gut. Mit zunehmendem Alter (Altern) wird jedoch die Vielfalt der Entwicklungsmöglichkeiten zunehmend eingeschränkt und durch die gesellschaftlichen Umweltbedingungen entscheidend bestimmt. Organismus-Umwelt-Beziehungen, soziale Kommunikation.

Lit.: Harris, J.R.: The Nurture Assumption. New York, 1998.

Anlage-Umwelt-Kontroverse

Eine der großen Menschheitsfragen, die sich in ihrer Grundthematik bis in die Anfänge der Geschichtsschreibung zurückführen läßt, ist, ob menschliches Verhalten, Merkmale und Fähigkeiten biologisch oder umweltbedingt sind. Die Nativisten in der geistigen Tradition von Platon und I. Kant waren von der Dominanz des Erbes (Anlagen- oder Erbtheorie), die Empiristen im Gefolge von Hobbes und Locke von der Vorherrschaft der Milieubedingungen überzeugt. Die wissenschaftliche Diskussion besteht sowohl zwischen den Disziplinen, etwa den Geisteswissenschaften (Psychologie, Soziologie) und den Naturwissenschaften (vor allem Biologie, Humangenetik), aber auch innerhalb der einzelnen Disziplinen. Nachdem sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Auffassung durchsetzte, daß an der Entwicklung aller menschlichen Merkmale beide Faktoren beteiligt sind (Konvergenztheorie), ging die Diskussion zur Frage über, welches relative Gewicht hierbei Anlage und Umwelt besitzen. Während die Erbpsychologie von einer dominierenden Rolle des Erbguts ausging, war es vor allem der Behaviorismus, der die Lernanteile (Lernen) im menschlichen Verhalten im Vordergrund sah. – In den 1970er Jahren flammte die Diskussion um den prozentualen Anteil der Erblichkeit an menschlichen Merkmalen und Fähigkeiten, besonders innerhalb der Psychologie, erneut auf. Hauptstreitpunkt waren Erblichkeitsschätzungen der Intelligenz im Rahmen der Verhaltensgenetik. Die verhaltensgenetischen Studien (Adoptionsstudien, Zwillingsstudien) brachten sehr unterschiedliche Ergebnisse zum Vorschein, und vor allem die älteren Studien sind methodisch sehr umstritten. Das unterschiedliche Abschneiden in sogenannten Intelligenztests scheint jedoch zu einem hohen Anteil auf genetische Unterschiede und nur zu einem relativ geringen Anteil auf Umweltunterschiede in der Population zurückzuführen sein. Dies bezieht sich aber nur auf die jeweils aktuell untersuchte Population als Ganzes und läßt keine individuellen Erblichkeitsaussagen und keine allgemeingültigen Entwicklungsvoraussagen zu. – Ein völlig anderer Anlage-Umwelt-Gegensatz, der hier nicht dazugehört und daher nur erwähnt werden soll, ist das Verhältnis von Umwelteinflüssen und genetischen Faktoren bei der Entstehung von Krankheiten, z.B. psychischen Krankheiten wie der Schizophrenie.

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